Leseprobe: Der Berg der Elemente

Prolog

 

Der Nachtwind schlug Wellen auf dem See aus dunklem Blut, welcher sich auf dem lehmigen Boden immer weiter ausbreitete und die Erde mit Verzweiflung tränkte. Er war das Resultat von Andurins letzter großen Tat. Das, was er im letzten Augenblick seines Lebens als nötig erachtet hatte: ein Opfer.

Ohne auch nur einen Gedanken an Vernunft zu verschwenden, war der riesige Wolf dem Dämon mitten in die Klauen gesprungen. Und obgleich sein weißes Fell nun rot von all dem heißen Blut schimmerte und die Flamme seines Lebens im stürmischen Wind des Kampfes zu erlöschen drohte, grub er seine Fänge noch immer tief in das Fleisch seines Gegners.

Es war ein Freund, der in dieser Sekunde starb, ein Vertrauter und lieb gewonnener Gefährte, doch Zenzey wagte nicht, auch nur einen einzigen Seitenblick zu riskieren. Hoch war der Preis, den sie zahlen mussten, doch nicht zu hoch, wenn sie damit über die Bestie siegen konnten, die ihre geliebte Welt zu vernichten drohte. Ein neues Zeitalter musste anbrechen.

Längst war ein jeder ihrer Rasse tot und Zenzey nun mehr das Letzte, was von den Cyralen, den Halbgöttern, geblieben war. Doch auch sie selbst würde nicht mehr lange hier verweilen. Zu viele Wunden hatte dieser Kampf gefordert, zu viele im Körper und auch in der Seele. Und zu viel Kraft würde kosten, was sie beabsichtigte. Die letzte Möglichkeit alles noch zum Guten zu wenden tat sich jetzt auf. Jetzt, in dieser einen Sekunde, in der ihr Feind, gefangen zwischen Andurins Zähnen, nicht mehr fähig sein würde, zu entkommen.

Zenzey schloss die Augen und während eine stumme Träne des schmerzlichen Verlustes von ihrer Wange perlte, konzentrierte sie ein letztes Mal all ihre noch verbliebene Kraft. Sie fiel keuchend auf die Knie. Ihre bebenden Hände tauchten in den Blutsee, der sich aus ihrem und dem Blut Andurins formte, und sie murmelte leise Worte, die beständig lauter wurden, bis sie die Beschwörung herausbrüllte wie einen Kriegsschrei. Ein letztes trotziges Aufbegehren ihres sterbenden Körpers.

Als sich die Augen des gefangenen Dämons panisch weiteten und er das ihm drohende Schicksal erkannte, biss Andurin noch einmal fester zu, um seinen Gegner an Ort und Stelle zu halten. Das scharlachrote Blut der zappelnden Bestie, welches aus dem Maul des riesigen Wolfes tropfte, mischte sich in den wachsenden Blutsee hinein.

»Du hast dieses Schicksal nicht verdient, Wächter der Nacht. Doch dein Silberglanz ist zu Blut geworden und deine Seele schwarz wie ein Schatten!« Während Zenzey mit trauriger Stimme sprach, begann sich in dem Blutsee ein Strudel zu bilden. »Ein Dämon findet auf dieser Welt keinen Platz, also geh. Geh ins Bur Lorak! Fahre ins Weltenfeuer!« Das Blut geriet immer mehr in Wallung, hob sich entgegen der Schwerkraft und bildete wilde Formen, als würde es leben und ausbrechen wollen. Schließlich schwappte es begierig bis vor die Füße des Dämons. »Die Flammen dort sollen deine Seele halten, bis die Ewigkeit vergeht«. Mit vor Schreck geweiteten Augen verfolgte die sich erfolglos schüttelnde Bestie, wie das Blut nun wie hungrige Schlangen in langen Rinnsalen ihren Körper hinaufkroch und sich Stück für Stück um ihre Glieder wickelte. Die roten Bänder schnürten den Dämon ein, fesselten ihm Beine und Hände. Sie legten sich wie ein Maulkorb um seinen Mund und ließen jedes Wort des entsetzten Widerspruchs verstummen.

»Es dürfte nun mehr als genug Götterblut vorhanden sein, um dich auf die Reise zu schicken!« Aus Zenzeys Stimme sprach so viel Hass, so viel Verachtung, aber was am meisten überwog war die Traurigkeit. Jahrelang hatte sie ihre Welt verteidigt, gegen jeden erdenklichen Feind. Jetzt sollte diese Aufgabe ihre letzte sein. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten, wie das Götterblut sich weigerte und widerstrebte, zu gehorchen und das silbrige Netz zu bilden, welches nötig war, um die Seele eines Dämons zu fangen. Doch mit den Worten und der Gewissheit, dass es ihr letzter Dienst für Naruel sein würde, kehrte Zenzeys Stärke zurück.

»Die Götter sind dir nicht länger gnädig, Dämon! Durch unser Blut sollst du brennen! Ich verbanne deine verdorbene Seele in die Flammen des Bur Lorak!« Sie zog die Hände aus dem roten See und zugleich mit einem kräftigen Windstoß, der Zenzeys Haar weit nach vorn wirbelte, begann die dunkle Flüssigkeit mit einem Mal silbern zu werden. Es war, als erstarrte das rote Blut zu glänzendem Eis, ausgehend von dem Punkt, den Zenzey zuletzt mit ihren Fingerspitzen berührt hatte. Der Dämon schrie und wand sich, wollte entkommen. Doch als auch jene Blutbänder zu Silber erstarrten, die sein Haupt wie eine eiserne Maske umgaben, starrte er nur gehetzt in Zenzeys gelbe Augen. Ein letzter Blick voll Hass, der auf ihrer Seele brannte wie ein tobender Feuersturm. Und dann zersprang die erstarrte Gestalt des Dämons mit einem hohen Kreischen in unzählige funkelnde Späne, die mit dem Wind davon wehten wie Blätter im Herbstwind.

Ein einsames Lächeln stahl sich auf Zenzeys Züge. Sie nahm noch einmal ihre Kraft und ihren Willen zusammen, um sich in jene Gestalt zu wandeln, die ihr so viel vertrauter war, als ihre Menschenform. Ihr langes, schwarzes Haar begann sich über ihren Körper auszubreiten und ihre schlanken Finger formten sich zu kräftigen Pfoten. Ihre Wirbelsäule setzte sich weiter fort, wurde beweglich und bildete einen eleganten Schweif. Ihr Gesicht nahm mehr und mehr tierische Züge an.

Während sie sich in ihrer Göttergestalt auf ihren leblosen Gefährten zu schleppte, um an seiner Seite sterben zu können, ging ihr ein glückseliger Gedanke nicht aus dem Kopf: Es war geschafft. Sie hatten ihren Eid erfüllen können. Nach tausenden Jahren in Naruel sollte dies nun das Ende für die letzten Halbgötter sein. Doch wenn nicht für all jene, die sie geschworen hatten zu beschützen, für was lohnte es sich dann zu sterben? 

    

Der kühle Nachtwind fuhr über das trostlose Bergplateau, verwehte den Gestank von Blut und Tod und vermischte Zenzeys und Andurins Fell zu einer Einigkeit von Schwarz und Weiß. Er verwehte die Jahre und ewig, wie Berge alt sind, wehte er noch viele Jahrhunderte später über die Köpfe der Menschen, deren Zeitalter, mit dem Tod der letzten Cyrale und der Bannung des Großen Dämons, eingeläutet worden war.

 

Zweitausend Jahre lang wehte der Wind, bis er in einer klaren Sommernacht eine Gruppe Amphimen in ein kleines Bergdorf trieb.

 

 


Kapitel 1 - Erinnerung

 

»Ich war noch ein Kind, als sie mich holten, vier Jahre vielleicht, nicht viel älter. Ihre Schritte, ich höre sie manchmal noch heute. An jenem Abend kamen sie wieder nach Galas, in mein Heimatdorf.

Die Leute dort hatten bereits aufgegeben, sich gegen ihn und seine Untergebenen behaupten zu wollen. Inzwischen versammelten sie sich nur noch schweigend auf dem Marktplatz, wenn die Aussichtsposten ihn sichteten. Aber ganz gleich, was sie taten, er bekam sowieso immer, was er wollte. Seinen Namen werde ich niemals vergessen können, denn er war es, der mich für ewig gebrandmarkt hat … Alistos.«

Demonstrierend zog Pan ihren eingerissenen Hemdkragen etwas tiefer und entblößte die riesige, weiße Narbe auf ihrer linken Schulter, welche sich bis zum Hals hinaufzog, ehe sie fortfuhr.

»Waffen nützten nicht viel gegen die unmenschliche Stärke der Amphimen und dieses Mal hatte Alistos gleich zwei Angehörige seiner Rasse mitgebracht. Sie folgten ihm lautlos. Langsam aber bedrohlich, wie Schatten, waren sie zu uns gekommen.

An ihren muskulösen Hälsen sitzen Kiemen und zwischen den kräftigen Fingern spannt sich eine fast durchsichtige Schwimmhaut. Tzz, Amphimen, Mensch gewordene Fische aus den Meeren der tropischen Südküste. Makrelen, Dorsche und alles, was man so an Kiemenatmern in den Meeren findet, sogar Schwertfische und Haie. Allesamt besitzen sie die Fähigkeit an Land mit ihren Lungen und im Wasser mit ihren Kiemen zu atmen. Dazu überragen sie uns Menschen um fast zwei Köpfe und besitzen eine nahezu unnatürliche Körperkraft.

Eine wahre Plage, unter der wir einfachen Bürger der Bergdörfer damals schon seit Jahren zu leiden hatten. Man kann wohl sagen, diese rauen Fischwesen sind fast unbesiegbar. Aber wie so vieles eben nur fast. Ich lernte in all den Jahren, die ich bei ihnen verbrachte, auch ihre Schwächen kennen: Diese barbarischen Kreaturen brauchen zum Überleben mindestens einmal am Tag ein Wasserbad. Obgleich Mensch geworden, sie bleiben noch immer Söhne des Meeres.

Doch noch niemand hatte sich in all den Jahren getraut, unseren Peinigern eine Falle zu stellen oder sich auch nur gegen sie zu erheben. Dafür sind die Leute in meinem Dorf einfach zu feige gewesen.«

»Du sagtest, es seien Mensch gewordene Fische? Wie soll ich mir das vorstellen? Ich selbst habe von solchen Wesen noch nie gehört«, unterbrach ihr Zuhörer Pans Geschichte und zog eine fragende Miene. Doch diese nickte nur verständnisvoll und erklärte:

»Sie tauchen nur im Süden auf, zumindest habe ich nur dort welche gesehen. Vermutlich ist es die Küstenferne, die sie vom Landesinneren abschreckt. Wie dem auch sei … Stell sie dir wie Menschen vor, nur größer, um einiges kräftiger, ohne Haar, dafür mit einem von Schuppen bedeckten Körper und mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und Zehen. Jeder von ihnen trägt für gewöhnlich eine Flosse auf dem Rücken, an deren Größe lässt sich die Stärke der Amphimen festlegen: je größer desto stärker. Bis jetzt habe ich nur einen Einzigen gesehen, der keine Rückenflosse hatte, und das war zweifelsohne der menschlichste von allen …« Pan wurde einen Moment still, als würde sie von einem schmerzlichen Gedanken gequält, fuhr dann aber fort: »Alistos’ weiße Haifischflosse war die größte, die ich je zu Gesicht bekam, und machte ihn unverkennbar zum Anführer seines Clans. Als Nachkomme des Aquasiox, dem Tyrannen der Laomo-Inselgruppe, fiel ihm dieses Privileg anscheinend ohnehin zu.

Ich erinnere mich noch, wie seine abnorm großen Zähne im Licht der Fackeln blitzten, als er sich der Dorfmitte näherte. Allen Bewohnern war klar, dass es nie etwas Gutes bedeutete, ihren Unterdrücker persönlich zu sehen. Aber wie gesagt: Sie hatten sich einfach mit ihrem Schicksal abgefunden und versammelten sich stumm. Zu viele waren beim Kampf gegen Alistos gefallen. Sie hatten gar keine andere Wahl.«

»Was ist mit eurem König? Er hätte doch helfen können!«, warf ihr Gegenüber ein, doch Pan schüttelte nur den Kopf.

»Es gibt im Süden kein Königreich. Die Städte und Dörfer sind für sich selbst verantwortlich. Und die Bewohner von Galas entschieden, nichts dagegen zu unternehmen, dass ein Amphim ihnen ihre Kinder wegnahm, um sie für sich selbst arbeiten zu lassen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass Alistos’ Wahl dieses Mal auf meinen Bruder Umbriel fallen würde. Wäre ich etwas älter gewesen, hätte ich es mir, wie auch die anderen, vermutlich denken können. Er war schon sehr erwachsen für sein Alter. Umbriel war ebenso noch ein Kind wie ich, zwar einige Jahre älter, aber doch immer noch ein Kind. Trotzdem lebte er seit dem Tod unserer Mutter ganz allein in unserer alten Hütte nahe am Marktplatz und kümmerte sich mit der Unterstützung eines älteren Ehepaars fürsorglich um mich.

Ich habe mit den Jahren herausgefunden, dass Alistos grundsätzlich nur Kinder zwischen fünf und zehn Jahren mit sich nahm, ein Alter, in dem er unseren Charakter und Willen noch sehr gut formen konnte. Alle anderen konnten sich deshalb in Sicherheit wiegen und somit auch deren Familien. Ihnen würde nichts geschehen, sie waren uninteressant für ihn.

Jene aber, die sich weigerten, ihre Kinder herzugeben, bekamen Alistos’ Zorn zu spüren. Meistens jedoch ließ er seine Untergebenen die Drecksarbeit machen, er kümmerte sich unterdessen um seine zukünftige Armee aus entführten Kindern, die später einmal seinem Kommando unterstehen würden und für ihn rauben und plündern sollten. Zumindest war dies sein Plan, den er vor Jahren im Sinn hatte, bevor er die Südküste verließ und sich im tiefen Tumandschungel eine Art Festung dafür bauen ließ. Er nannte es hochmütig das Hauptquartier. Ich erschaudere noch immer, wenn ich diesen Namen höre.

Hoch erhobenen Hauptes stolzierte er durch die verlassenen Gassen. Ich sah ihn von meinem Kletterbaum aus, auf dem ich als Kind viele schöne Stunden verbracht hatte. Gerne beobachtete ich von hier das Treiben der Leute oder versuchte mir ein paar Schmetterlinge zu fangen. Ja, eigentlich war Galas ein schönes und friedliches Dörfchen am Rande des Tumangebirges. Aber der Frieden wurde mit Alistos’ Auftauchen leider oft gestört, wie auch an diesem lauen Abend.

Ein leises Raunen ging durch die Menschenmenge, welche sich auf dem Marktplatz angesammelt hatte, während Alistos und seine zwei Verbündeten dort erschienen und sich eine Schneise zwischen den verängstigten Bauern und schaudernden Viehhirten auftat.

Ich hörte eine alte Frau unheilvoll Umbriels Namen flüstern und vermutete sofort das Schlimmste. Schneller, als ich es selbst hätte entscheiden können, war ich von meinem Baum heruntergeklettert und versteckte mich mit einer bösen Vorahnung in einer dunklen Gasse neben unserem Häuschen. Die genauen Worte der Frau weiß ich nicht mehr, aber sie schmerzten wie Stiche in meinem Herz.

Von meinem Versteck aus beobachtete ich, wie die versammelten Leute ängstlich ihre Kinder an sich gedrückt hielten. Jeder hatte wohl den Gedanken, dass sein eigener Sprössling ausgesucht werden könnte. Doch beim Anblick der riesigen Zähne des prüfend umherstreifenden Haifischs erinnerten sie sich rasch daran, wie nutzlos Widerstand sein würde.

Unglücklicherweise hatte mich mein Bauchgefühl nicht getäuscht: Alistos hatte es tatsächlich auf meinen Bruder abgesehen, denn er baute sich breitbeinig vor unserer klapprigen Haustür auf und brüllte Umbriels Namen.

Ich betete, dass mein geliebter Bruder sich ebenso verstecken würde, wie ich es zu diesem Zeitpunkt tat. Unsere Eltern waren tot, es hätte niemanden außer mir gegeben, mit dessen Ermordung der Amphim ihm hätte drohen können. Doch dieser machte keinerlei Anstalten, noch weitere Mühen einzugehen. Es schien so, als wüsste er genau, dass Umbriel zu ihm kommen würde. Das hatten sie bis jetzt alle getan und genau aus diesem Grund hatte er sich auch für diese entschieden. Winselnde Kinder, die sich zu verstecken versuchten, konnte Alistos nicht gebrauchen. Jene mit Mut und Kampfgeist waren es, die er für sich wollte.

Eine Weile verging und still war es geworden. In der Ferne bellte irgendwo ein Hund, doch auf dem Platz vor unserem Haus blieb es totenstill. Keiner der Anwesenden wagte es auch nur, einen Ton von sich zu geben, mich eingeschlossen.

Schließlich knarrte unsere alte Haustür und unterbrach die drückende Ruhe. Ein kleiner Junge, mit haselnussbraunem Haar und einem Schwert am Gürtel, trat heraus. Bruder, warum hast du dich nicht versteckt?«

Für einen Moment glitt Pans Blick zum wolkendurchzogenen Himmel hinauf, als könnte sie dort eine Antwort auf diese Frage finden. Es kostete sie eine Menge Kraft diese alte Geschichte noch einmal zu durchleben, doch jetzt hatte sie damit begonnen und wollte es auch zu Ende bringen:

»Tapfer wie er war, schwang Umbriel sein Schwert gegen Alistos, natürlich viel zu ungeschickt und schwach, sodass der Amphim es ihm schnell entreißen und fortschleudern konnte. Dass es dabei nur knapp einen Mann, der seinen kleinen Sohn auf dem Arm hielt, verfehlte, war dem grausamen Amphim völlig egal. Die polierte Klinge bohrte sich mit einem schrecklichen Geräusch in den festgetretenen Boden und blieb aufrecht darin stecken. Ich erinnere mich noch gut an dieses Bild: Ein Schwert, welches aufrecht aus dem Boden ragte und drei rote Bänder, um den Griff gewickelt, blieben das Einzige, was sich im sanften Abendwind bewegte.

Empört von so einem Angriff, packte Alistos Umbriels Hals, zog ihn hoch und schmetterte ihn mit etwas zu viel Gewalt gegen unsere Hauswand. Ich schrie, weinte unterdessen nur ein einziges verzweifeltes Wort: Bruder.

Aber Alistos schien mich nicht gehört zu haben, er klopfte sich mit grimmiger Miene den Staub von der Hose und wartete darauf, dass mein Bruder aufstehen würde, um mit ihm zu kommen. Doch das tat er nicht, Umbriel rührte sich nicht mehr. Warum half keiner der Dorfleute? Niemand machte auch nur einen Finger krumm. Nur ich brachte den Mut auf, meinen einzigen Lebensinhalt vor diesem Monster zu beschützen.«

»Du hast dich also zwischen diesen Alistos und deinen Bruder gestellt? Das ist wirklich recht mutig für ein Kind«, pflichtete ihr aufmerksamer Zuhörer Pan bei.

»Nicht ganz. Ich habe ihn gebissen.«

Jetzt musste er trotz dieser düsteren Geschichte lachen, entschuldigte sich aber schnell dafür und bedeutete Pan, mit ihrer Erzählung fortzufahren.

»Du bist nicht der Einzige, der das lustig findet. Oberon, einer der Amphimen, die mit Alistos gekommen waren, konnte sich damals ein Schmunzeln nicht verkneifen, obwohl er sonst nur sehr ernst schauen konnte. Na ja, ich wusste mir einfach nicht anders zu helfen. Ich hatte keine Waffe und konnte ihn nicht schlagen, das war die letzte Möglichkeit, die mir blieb.

Alistos muss das allerdings sehr beeindruckt haben. Ja, es war eine dumme Idee gewesen, wie ich jetzt weiß. Ich hätte weiter im Schatten unseres Hauses bleiben sollen, so wäre mir vieles erspart geblieben. Aber ich war jung und unerfahren … und vor allem klein. Ich reichte Alistos gerade einmal bis zur Mitte seiner kräftigen Oberschenkel und musste meinen Kopf nach hinten lehnen, um ihn böse anzufunkeln und Drohungen gegen ihn auszusprechen.

Als er daraufhin seine dünnen Lippen zu einem hässlichen Lachen verzog und seine langen Reißzähne entblößte, sah ich ihn wohl mit einer Mischung aus purem Entsetzen und etwas wackeliger Furchtlosigkeit an. Seine strahlenden Zähne waren so lang wie meine gesamte Kinderhand. Diese Zähne … manchmal will ich mich nicht erinnern.

Natürlich konnte ich es damals nicht lassen, dem Amphim auch noch trotzig vor sein Schienbein zu treten, um ihm deutlich zu machen, wie unerwünscht er hier war. Auch das war einer meiner größten Fehler: Ich bewies ihm meinen Kampfgeist … unverzeihlich.

Oberon, der ernste, aber auch äußerst kluge Amphim mit langem, schwarzem Haar, welches er stets zu einem strengen Zopf geflochten trug, verkniff sich unterdessen erneut ein Lachen. Anscheinend gefiel es ihm wirklich, mit anzusehen, wie Alistos sich mit einem kleinen Mädchen wie mir stritt.«

»Warte!«, unterbrach der junge Mann Pans Erzählung, »du sagtest doch, die Amphimen seien haarlos.«

»Richtig. Oberon war der Einzige mit Haar und ohne Rückenflosse. Aber wie dem auch sei: Alistos reichte es schließlich. Er streckte seine Hand nach mir aus und hob mich hoch. Widerwillig sträubte ich mich, doch es blieb wirkungslos, sein Griff war viel zu stark. Er zerquetschte mir regelrecht den Kiefer und drehte meinen Kopf langsam von rechts nach links, dabei murmelte er etwas von einem rohen Diamanten und schien auf einmal sehr zufrieden zu sein.

Das war mein Todesurteil. Heute würde ich alles tun, damit seine Worte unausgesprochen bleiben würden.

Gerade erst hatte ich es geschafft, mich seinem gelockerten Griff zu entwinden. Ich hätte laufen sollen so schnell ich konnte.

Stattdessen rieb ich mir beleidigt das schmerzende Kinn. Noch erkannte ich nicht die Bedeutung der Worte, die Alistos soeben ausgesprochen hatte und die mein ganzes Leben verändern sollten, da saß ich auch schon wieder fest: Sub, ein weiterer Handlanger von Alistos mit unbarmherzigen Augen und roten Schuppen, packte mich an den Armen, damit ich nicht fortlaufen konnte.

Alistos gab ihm den unmissverständlichen Befehl, mich anstelle meines bewusstlosen Bruders ins Hauptquartier zu verschleppen. Wie ein Gepäckstück warf Sub mich daraufhin über seine Schulter und machte sich daran, den dunklen Pfad, den sie gekommen waren, wieder in Richtung Tumangebirge einzuschlagen.

Erst da erkannte ich, was der Plan war und rief nach dem einen Menschen, der mir mit Sicherheit helfen würde.

Ich schrie mit Leibeskräften nach meinem Bruder. Mit Erfolg, denn ich sah, wie sich seine Augen öffneten und er sich verwirrt aufrichtete, als er realisierte, dass Alistos dabei war, mich, seine kleine Schwester, zu entführen.«

Wieder unterbrach sie kurz ihre Geschichte und schmunzelte mit einem bitteren Beigeschmack.

»Er rief mich bei meinem richtigen Namen, auf den ich schon lange nicht mehr höre: Panu. Es ist seltsam, ihn auszusprechen. Ich muss dann immer daran denken, wie Umbriel ihn mir so verzweifelt hinterhergebrüllt hat, während er erfolglos versuchte, den Amphimen hinterherzurennen.

Die Dorfleute hatten ihn festgehalten und hinderten ihn daran, sich loszureißen. Vermutlich war es klug und hat ihm das Leben gerettet. Ich hingegen empfand es damals als einen Akt der Grausamkeit und Feigheit.

Ich sah, wie er mühsam versuchte, sich durch die Menge zu kämpfen, doch es gelang ihm nicht. Ihn so verzweifelt zu sehen, war wie ein Schlag ins Gesicht. Er versuchte mir zu helfen, doch er konnte nicht.

Das Letzte, was ich sah, war Umbriels Gesicht, wie es sich immer weiter entfernte. Es war das erste und letzte Mal, dass ich meinen Bruder weinen sah. Danach folgte tiefe Schwärze, ausgelöst von einem Schlag in den Nacken.

Aufgewacht bin ich an einem feuchten Ort ohne Licht und ohne Stimmen. Ich weiß nicht mehr, wie lange sie mich in diesem Loch gelassen haben … Ich will es auch gar nicht wissen. Aber es war zweifellos die schlimmste Zeit meines Lebens.«

 


Kapitel 2 - Entscheidung

 

Alistos ließ sich auf seinen, aus stabilem Holz gearbeiteten, Stuhl fallen und streifte sich das lederne Wams von der nackten Brust. Der Weg zu den Bergdörfern war weit und jedes Mal anstrengend für eine Rasse, die lieber im Wasser schwamm, als sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Doch dieses Mal hatte es sich wirklich gelohnt. Böse grinsend beobachtete der Amphim, wie zwei schmächtige Burschen seinen halbwegs vollständigen Badetempel Eimer für Eimer mit Wasser füllten, bis das in den Boden eingelassene Becken schließlich randvoll war.

»Das reicht jetzt, geht!«, befahl er mit barscher Stimme und wischte die Baupläne auf seinem Schreibpult beiseite, um seine Gedanken zu konzentrieren. Die zwei hageren Jungen schreckten merklich zusammen, senkten rasch die Köpfe und entfernten sich mit schnellen Schritten. Auf dem Weg aus Alistos’ Kammer stießen sie fast mit einem weiteren Amphim zusammen, welcher sie mit strengen Augen musterte und schließlich selbst eintrat, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Alistos störte dies nicht weiter, im Gegenteil, er wirkte zufrieden, seinen schwarzhaarigen Artgenossen zu sehen.

»Wo ist sie, Oberon?«, fragte er und sah seinen Gegenüber durchdringend an. Der Amphim vor ihm verzog nicht einen Muskel seines breiten Gesichts. Schließlich öffnete er die grünlichen Lippen, um mit ruhiger Stimme zu sprechen:

»Wie du es wolltest, habe ich das Mädchen in eines der Verliese gebracht und-«

»Gut«, fiel ihm Alistos hastig ins Wort und seine gelben Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Oberon, der diesen Blick von ihm nur allzu gut kannte, näherte sich Alistos mit leisen Schritten unbeschuhter Füße, um zu erfahren, was ihm schon seit Stunden auf der Seele brannte.

»Warum hast du dieses Kind mitgenommen?«, zischte er dem hellhäutigen Amphim mit der weißen Rückenflosse zu, während dieser die kräftigen Finger wie zu einem Gebet ineinander verschränkte.

»Hast du es denn nicht gesehen, Oberon?« Ein grausames Lächeln umspielte nun seinen nahezu lippenlosen Mund.

»Ich habe gar nichts gesehen«, verneinte der Amphim und verschränkte nun seinerseits die muskulösen Arme vor der grün geschuppten Brust. Alistos’ Blick hingegen glitt wieder ins Leere, als würde er scharf nachdenken.

»Doch, da war etwas … Ich kann nicht sagen, um was genau es sich handelt, doch meine Intuition sagte mir gleich, als ich dieses Kind sah: Diese Göre hat Potenzial. Es war, als hätte ich etwas in ihren Augen aufblitzen sehen.« Für einen Moment wirkte der weiße Haifisch wie tief in Gedanken versunken, doch mit einem Mal wurde sein Blick klar und er fixierte Oberon mit seinen stechenden Augen. »Oberon! Du wirst sie trainieren!«

»Ich habe bis jetzt noch alle Kinder trainiert, die du ausgewählt hast-«

»Nein«, unterbrach ihn Alistos abermals, »du wirst sie nicht nur wie die anderen Kinder trainieren, du wirst sie zu einer Kriegerin machen!« Die kalten Augen des Haifischs blitzten böse auf.

»Wie stellst du dir das vor?« Oberon warf seinem Gegenüber einen fragenden Blick zu, doch Alistos war schon dabei, seine Vorstellung kundzutun.

»Lehre sie, was du kannst, lehre sie Schmerz, lehre sie Gehorsam und vor allem: Bring ihr Loyalität bei! Sie soll für mich kämpfen, sie wird es eines Tages und sie soll es besser machen als jeder andere. Aber dafür wird sie leiden müssen! Prügel ihr, wenn es sein muss, die Seele aus dem Leib, aber lass sie vergessen, dass es jemals eine Zeit vor mir gab!«

»Du willst, dass ich diesem kleinen Mädchen das Leben zur Hölle mache, nur damit sie eines Tages willenlos für dich allein kämpft? Sie ist zu jung für so etwas, das übersteht sie nicht.« Oberon sah Alistos nun skeptisch an. Er war sich nicht sicher, was für eine größenwahnsinnige Idee sein Artgenosse nun wieder plante.

»Höre ich Ungehorsam aus deiner Stimme sprechen? Hast du etwa Mitleid mit ihr?« Alistos’ Stimme wurde kalt. »Weißt du, Oberon, obwohl du der Einzige von uns bist, dem, wie den Menschen, diese furchtbaren Haare aus dem Schädel sprießen, bist du mir immer wie ein Bruder gewesen. Auch wenn du dich für ihre Bräuche und Künste interessierst, ich habe dich niemals dafür verurteilt. Du warst immer ein treuer und starker Freund. Aber jetzt verschone mich mit diesen menschlichen Gefühlen, das macht mich noch krank. Man könnte fast meinen, du entwickelst Sympathie für diese Rasse.« Alistos war aufgestanden und schlich nun prüfend um Oberon herum, fast so, als wollte er in der Luft schmecken, was sein Vertrauter bei diesen zum Ende hin abschätzig gewordenen Worten dachte.

»Ich leugne nicht, dass mich Menschen sehr faszinieren, aber niemals würde ich für einen von diesen Mitleid empfinden, Alistos. Ich frage mich nur, was dir daran liegt, dass dieses Mädchen so sehr leiden soll?«

»Was dich nicht umbringt, macht dich stärker! Erziehe sie nach diesem Leitsatz. Eines Tages wirst du verstehen, was ich in diesem Kind gesehen habe …«, seine Stimme war leise geworden, fast wie ein verschwörerisches Flüstern, »und solltest du meine Pläne noch einmal infrage stellen, erinnere ich dich zu gern daran, was mit Sanae geschehen ist …« Bei den letzten Tönen, die Alistos ihm so kaltherzig entgegengeschmettert hatte, hatten sich Oberons ernste Gesichtszüge zu einer Maske des Leidens verzogen. Nicht für lange, aber eine Sekunde lang hatte er traurig und bestürzt zugleich gewirkt. Alistos hatte es genau beobachtet. Doch wie es seit jeher von ihm verlangt wurde, fasste sich der grün geschuppte Amphim rasch und wirkte mit einem Mal wieder streng und gleichgültig.

»Wenn du es so willst, Alistos, dann werde ich diesem Kind beibringen, was Demut bedeutet. Gib mir ein paar Jahre Zeit und ich mache dir einen wahren Krieger aus dem Kind.« So deutlich Oberons Worte gewesen waren, so undeutbar wirkte nun sein Gesichtsausdruck. Seine Miene schien wie in Stein gemeißelt zu sein und er wandte sich zum Gehen, damit Alistos nicht merken konnte, wie ihm eine einzige, gut versteckte Träne aus dem Augenwinkel perlte.

 


Kapitel 3 - Zehn Jahre später

 

Ein endlos langer Tunnel so finster wie die unendlichen Tiefen des Ozeans, rundherum erhebt sich ein Meer aus blauen Flammen. Immer weiter, Schritt für Schritt durch die kalte Dunkelheit. Und plötzlich diese Gestalt, ihr Gesicht im Schatten verhüllt. Ein Schrei zerschneidet die tonlose Umgebung und der Schatten stürzt in sich zusammen. Schwarzes Blut verteilt sich in gar bizarren Mustern auf dem grauen Boden. Hämisches Lachen dringt durch die Finsternis. Alistos!

 

Schweißgebadet wachte Pan keuchend auf, die schmalen Hände an die Stirn gepresst. Immer noch zitternd saß sie aufrecht auf ihrer Holzpritsche allein in der Dunkelheit. Ihre Gedanken flogen wirr durcheinander und das Atmen fiel ihr so schwer, als hätte man ihr einen Fels auf die Brust gelegt.

»Nein, nicht schon wieder! Gibt es denn keine Nacht ohne Blut? Warum strafen mich die Götter nur mit diesen Albträumen?« Mutlos lehnte sich das sonnengebräunte Mädchen an die kalte Wand hinter ihrer Schlafstätte und starrte durch das kleine Fenster hinaus in die dunkle Nacht. Durch die dicken Mauern um sie herum hörte sie nicht einmal das Rauschen des nahen Wasserfalls. Nichts, kein Geräusch drang zu ihr hervor, außer dem heftigen Schlagen ihres aufgeschreckten Herzens.

Die winzige, vergitterte Luke war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ausgenommen der schweren Holztür ihr gegenüber. Doch in diese Richtung blickte Pan nur selten. Zu lange hatte sie davor gesessen, geweint, geschrien und mit blutigen Fingern tiefe Kerben in das dicke Holz gekratzt.

Der seltsame Traum ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Wie sollte er auch? Jahrelang hinderte er sie nun schon daran, angenehm zu schlafen. Kaum setzte er ein paar Nächte aus, und Pan hatte ihn schon fast vergessen, so kehrte er in der darauffolgenden Nacht wieder. Als wolle er nicht, dass er in Vergessenheit geriete.

»Bei den Göttern, wer ist nur diese Gestalt und warum bringt Alistos sie zu Fall? Was hat das nur alles zu bedeuten?« Zwar machte Pan sich fast jede Nacht ihre Gedanken über die Botschaft des Traums, doch auf die Idee, es könne sich um ein Ereignis aus ihrer Kindheit handeln, war sie bis jetzt nie gekommen. In diesem Fall hatte Alistos bereits erreicht, was er vor zehn Jahren beschlossen hatte: Der immer wiederkehrende Traum war das Einzige, was seinem rohen Diamanten noch von der Vergangenheit geblieben war.

Seit dem Tag, als sie ihren Bruder Umbriel das letzte Mal gesehen hatte, waren viele düstere Jahre vergangen und Pan nun kein Kind mehr. Ihr damals nussbraunes Haar war nun dunkler geworden als das ihres Bruders. Sie trug es praktischerweise auf Schulterlänge. So war es lang genug, sich wenn nötig einen Zopf zu binden, aber auch nicht zu lang, als dass es sie beim täglichen Training stören konnte. Nur zu oft ließ sie die dunklen Haarsträhnen mit traurigem Blick in ihr schmaler gewordenes Gesicht fallen, um sich dahinter vor der grausamen Welt zu verstecken. Doch Traurigkeit war nicht das Einzige, was sich auf ihren feinen Zügen abzeichnete. Jeden Tag vermischte sich diese aufs Neue mit feuriger Entschlossenheit, welche Pan immer dann zum Ausdruck brachte, wenn sie sich vor ihrem Meister behaupten musste.

Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Bald würde es wieder so weit sein, in ein paar Stunden würde man sie von ihrer Pritsche ziehen und ihren, ohnehin schon genug geschundenen, Körper zu neuen Höchstleistungen antreiben. Bei diesem Gedanken huschte zu ihrer Überraschung auch ein kleines Lächeln über ihre Lippen.

Was für eine Gehirnwäsche hatten die Amphimen ihr nur verpasst, dass sie sich mittlerweile tatsächlich darauf freute, von ihrem Meister schonungslos niedergeprügelt zu werden?

Pan überlegte eine Weile und suchte in ihrer Vergangenheit nach einer Antwort. Bevor sich diese schließlich in grauem Nebel verlor, erinnerte sie sich daran, wie sie sich als junges Mädchen gegen die Umgangsformen der Amphimen gewehrt hatte, welche versucht hatten, ihr einzuprügeln, dass man den Kopf zu senken hatte, wenn man Alistos gegenüberstand.

Pan hatte es gehasst, hatte sich geweigert, es zu tun. Doch ihr Wille war gebrochen worden, mit Methoden, an die sie sich heute nicht mehr zu erinnern wagte. Von diesen Tagen an war sie es gewesen, die sich stets am tiefsten vor Alistos verbeugte und sich niemals einen Fehler zu Schulden kommen ließ. Zumindest ließen ihr Meister und sie sich nicht dabei erwischen.

»Weil ich mit jedem Mal ein bisschen besser und stärker werde«, gab sie sich schließlich selbst die Antwort. »Wenn ich meinem Meister ebenbürtig bin, stirbt Alistos!«

Bei diesem Rachegedanken entspannte sich das Mädchen allmählich wieder. Der glänzende Halbmond am Nachthimmel gab ihr Hoffnung auf einen Lichtschimmer in der Dunkelheit. Sie hatte sein Leuchten schon immer geliebt und manchmal schien es ihr so, als würde der Mond nur für sie allein strahlen, um ihr Mut zu geben.

Gähnend rollte sich Pan in ihre alte Decke, machte sich so klein wie nur möglich und schlief bald wieder in der einsamen Kälte ihrer kleinen Zelle ein.

 

Klirrendes Metall durchdrang nur wenige Minuten später ihr Unterbewusstsein und weckte sie abermals. Dieses Mal war es kein Traum, das wusste Pan genau, sondern das so vertraute Geräusch eines Riegels, der zurückgeschoben wurde.

Wie von einem beißenden Schmerz heimgesucht, schreckte das dösende Mädchen auf und war mit einem Mal hellwach. Schon oft hatte sie dieses Geräusch gehört, viel zu oft.

Die massive Holztür sprang quietschend auf und ein grün geschuppter Amphim mit einem robusten Kampfgewand aus hellem Stoff trat ein. Sein pechschwarzes Haar war noch genauso lang wie damals und auch sein ernstes Gesicht hatte sich kaum verändert.

»Aufstehen, Pan! Dein Unterricht fängt gleich an. Geschlafen hast du schon genug.« Woher nahm er nur das Recht zu dieser Aussage? Schließlich wusste ihr Meister doch von ihren seltsamen Albträumen.

Pan, die den Rücken an die kalte Wand drückte, hielt sich verkniffen eine Hand vor die Augen, um sich vor dem hellen Fackelschein, welcher den Raum plötzlich durchflutete, zu schützen. Auch wenn es das jähe Ende ihres mageren Schlafes bedeutete, freute sie sich doch jeden Morgen, Oberons Stimme zu hören, welche stets einen lauten Ton anschlug, aber in der doch eine seltsam gefasste Ruhe mitschwang.

»Warum nur immer so früh, Oberon? Du weißt doch ganz genau, dass du keine Chance hast, mich zu besiegen«, neckte sie ihn mit sarkastischer Stimme. Der Amphim verschränkte bei diesen frechen Worten nur ungläubig die Arme vor der Brust.

»So so, wir denken also, wir sind schon fertig mit unserer Ausbildung? Dann sag mir doch mal, aus welchem alten Königreich das Ngari stammt, welches du ja angeblich besser beherrschen willst als ich?« Erwartete er darauf eine Antwort? Pan war sich nicht ganz sicher. Schließlich antwortete sie mehr spekulierend als wissend:

»Galgalim?« Daraus wurde aber mehr oder weniger ein Gähnen. Der breitschultrige Amphim lächelte jedoch und nickte einmal kurz.

»Jetzt ist es aber genug mit den Spielchen! Wenn dich Sub oder Alistos so mit mir reden hört, kannst du dich auf was einstellen! Komm, aufstehen!«, drängte er und warf ihr ein Bündel Stoff entgegen, welches Pan reflexartig auffing. »Deine neuen Sachen sind gestern Abend fertig geworden. Die alten Stoffe sind nicht mehr zu retten. Du hast mit Abstand den größten Kleiderverbrauch im ganzen Hauptquartier. Sieh zu, dass du endlich fertig wirst, wir haben noch viel vor heute.«

»Ja, wir haben immer viel vor«, grummelte Pan und Oberon machte sich nach einem eindringlichen Kopfnicken auf den Weg.

Rasch wechselte sie ihre Kleidung, die zumeist aus robusten, kurzen Hosen und einem grünen Hemd, mit dem Zeichen von Alistos darauf, bestand: Ein schwarzes A in Form eines sich krümmenden Haifischs. Bei diesem Anblick wusste jeder sofort, mit wem er sich da anlegte. Der unbarmherzige Amphim war in dieser Hinsicht sehr eitel.

Nachdem sich Pan in einem unverschlossenen Nebenraum, der so etwas wie eine Waschkammer darstellen sollte, ein paar Spritzer kaltes Regenwasser aus einem hölzernen Auffangbehälter ins Gesicht geworfen hatte, schritt sie den langen Korridor entlang, welcher zu dieser Tageszeit nur von Fackeln beleuchtet wurde.

Selbst im Schlaf und bei völliger Dunkelheit hätte das Mädchen den Weg zu ihrem Ziel finden können. Jeden Morgen schritt sie ihn ab. Jede einzelne der vergitterten Türen, an denen sie vorbeikam, führte zu einer Zelle, in der die weiteren Gefangenen noch gemütlich schliefen, und jede Fackel an den Wänden war von einem der Amphimen entzündet worden, sehr früh am Morgen. Ein Anblick, der immer wiederkehrte und Pan inzwischen nur noch langweilte.

Als die steinerne Treppe, die ins Obergeschoss einer der Türme führte, in Sichtweite kam, seufzte sie leise und rieb sich die schmerzenden Hände. Die Fingerknöchel waren noch vom Vortag blutig und gerötet. Niemals würden die Wunden heilen, wenn Oberon ihr nicht einmal eine Pause erlaubte. Aber so war es nun einmal, daran würde sie nichts ändern können und lieber würde sie sterben, als nach einer Schonfrist zu fragen. Ihr Meister würde sie bloß auslachen.

Langsam schlurfte Pan die Stufen hinauf, alle bis ganz nach oben, bis die Luft frischer wurde.

Im Obergeschoss angekommen, erwartete sie zunächst ein kleiner Flur und dann die bekannte klappbare Flügeltür, auf der in großen Buchstaben ein Warnhinweis gepinselt worden war. Eigentlich sollte ein jeder bei diesem Anblick von hier verschwinden, aber Oberon und Alistos wollten es anders und beraubten Pan morgens nahezu zwei Stunden ihres ohnehin schon knappen Schlafes, um sie genau vor diese Tür zu bestellen.

Jeden Morgen, noch ehe der Schnatterhüpfer schrie, stand sie vor dieser verfluchten Tür, nicht wissend, was Oberon sich dieses Mal für Gemeinheiten für sie ausgedacht hatte. Jeden Morgen, noch bevor sie etwas zu essen bekam, musste sie sich erst gegen ihren Meister behaupten, so wollte es Alistos.

»Also, mal wieder«, murmelte sie seufzend und öffnete mit dem Ausbreiten ihrer sehnigen Arme die klapprige Flügeltür.

Langsam und vorsichtig schritt sie lautlos bis zur Mitte des Raums, drehte sich dabei manchmal um, als erwartete sie bereits einen Angriff. Barfuß gab das konzentrierte Mädchen kein Geräusch von sich, solange sie nicht auf die Matte ganz rechts von ihr trat. Denn diese quietschte von all den strohgepolsterten schwarzen Matten, mit denen der Boden belegt war, als einzige und noch dazu furchtbar laut. Eigentlich konnte man nicht mehr behaupten, die Bodenbeläge wären schwarz gewesen. Vielmehr trugen diese ein rotblau gesprenkeltes Muster auf schwarzem Grund, denn nur selten beseitigte hier jemand die Kampfspuren.

Die vier Wände des großen Raumes waren mit stabilem Holz verkleidet, aber dennoch erkannte man an einigen Stellen die Bruchsteine unter den demolierten Brettern. Teilweise sah man auch an diesen Blutreste kleben. Die Decke lag hoch genug, dass auch ein großer Amphim sie im Sprung nicht hätte erreichen können. Insgesamt besaß der verbotene Raum eine nahezu quadratische Form und maß mehrere Mannslängen in Breite und Länge. Beleuchtet wurde er durch fünf Fenster zur Rechten und fünf Fenster zur Linken des Turmes. Für die frühen Morgenstunden gab es zusätzlich noch ein paar Öllampen auf den schmalen Fensterbänken.

Ein Luftzug ließ eine der Flammen zittern. Schlagartig drehte sich Pan um. Ihr Herz raste, als erwartete sie jeden Augenblick einen schmerzhaften Körperkontakt. Doch niemand war zu sehen. Vermutlich stand Oberon bereits hinter ihr, wechselte geschickt die Seiten, wenn sie sich umdrehte, und entzog sich so ihrem Sichtfeld. Vielleicht krallte er sich auch an einen der Deckenbalken, um im richtigen Moment mit einem Angriff von oben zu beginnen. Pan sah nicht hoch, um sich zu vergewissern, denn so hätte sie ihre Deckung vernachlässigt und wäre ein zu leichtes Ziel gewesen, wenn ihr Meister doch hinter ihr gestanden hätte. Sie hatte bereits eine Ahnung, was er tun würde.

»Gut, ich bin bereit, greif mich an«, sagte sie so locker, wie sie ihre Stimme klingen lassen konnte, hob aber gleichzeitig abwehrend die Hände vor ihre Brust. Das war kein Wort zu viel, denn schon tauchte Oberon scheinbar aus dem Nichts auf und versuchte seiner Schülerin mit dem rechten Fuß einen kräftigen Tritt in den Nacken zu versetzen. Genauso hatte Pan es von ihm erwartet und blockte den Tritt mit dem hochgerissenen Unterarm ab. Zwar erzitterten ihre Knochen von der Wucht des Aufschlags, doch diese waren es gewohnt und hielten der Belastung stand. Pan fasste Oberons Schulter, zog sich daran hoch und drückte sich über den Amphim hinweg. Er versuchte sie dabei mit dem Ellbogen zu rammen, doch sie war bereits flink außer Reichweite gesprungen. Ein paar Schritte hinter ihm, landete Pan sicher auf den Füßen, hob erneut die Hände und drehte sich angriffsbereit um.

»Guter Einstieg! Aber jetzt will ich wissen, ob du was gelernt hast!«, gratulierte Oberon. »Der wütende Stier«, gab er knapp von sich und verzog sich stillschweigend in eine der Ecken des Gemäuers. Pan verstand, was diese Worte bedeuteten, und auch sie begab sich stumm in die gegenüberliegende Ecke des Trainingsraumes. Mit einem Kopfnicken eröffnete Oberon die zweite Runde. Gleichzeitig liefen beide los. Zweifelsohne würden sie in der Mitte des Raumes zusammenprallen, wenn nicht einer abbremsen oder zur Seite treten würde. Stur wie Steinböcke rannten sie weiter, jeder mit seinem eigenen Plan. Die Matten schienen zu beben, selbst die Öllampen zitterten und die schlafenden Gefangenen, ein Stockwerk tiefer, würden sich sicher wieder fragen, warum ihnen wortwörtlich die Decke auf den Kopf fiel.

»Hmm, glaubt er wirklich, ich würde nicht aus meinen Fehlern lernen?« Pan erinnerte sich schmerzlich daran, wie sie bei dieser Übung vor ein paar Tagen absolut versagt hatte. Auch an jenem Morgen war Oberon wie ein Berserker auf sie zu gerannt, sie jedoch war stehen geblieben, um im letzten Moment aus dem Weg zu gleiten. Das war zweifellos die falsche Entscheidung gewesen. Es hatte nur eine kreiselnde Bewegung ihres Meisters gebraucht und schon hatte er seine Laufenergie in die Kraft eines einzigen Schlages setzen können, der Pan trotz ihres Ausweichmanövers quer durch den Raum katapultiert hatte.

Ein siegessicheres Grinsen umspielte die graugrünen Lippen des Amphim. Er war zwei Köpfe größer als Pan und fast doppelt so schwer wie sie. Bei einem Zusammenstoß würde er mit Sicherheit nicht den Kürzeren ziehen.

»Richtig, aber dass ich kleiner bin, ist heute mein Vorteil«, beendete Pan stumm seinen Gedanken und grinste ebenso breit, wie Oberon es tat. Kurz vor dem Aufprall ließ sie sich auf die Seite fallen und vom Anlauf angetrieben, schlittere sie weiter über die schwarzen Matten, dabei griff sie nach dem Fußknöchel ihres Lehrmeisters und zog diesen mit sich. Der flinke Amphim verlor plötzlich den Boden unter den Füßen und kippte nach vorne. Nie im Leben hätte er so etwas Gewagtes erwartet. Vom jahrzehntelangen Training geschult, fing er den Sturz mit den Händen ab. Er machte einen Salto, sodass er wieder auf den Füßen stand. Pan, die seinen linken Knöchel immer noch festgehalten hatte, flog von der Wucht des Überschlages durch die Luft und landete mit einem dumpfen Aufschlag drei Matten weiter auf dem Bauch. Blitzschnell richtete sie sich wieder auf, wenn auch ihre Beine noch immer von dem waghalsigen Manöver zitterten. Für Oberon bot sich gerade jetzt eine perfekte Gelegenheit zum Angriff: Mit einem gezielten Kniestoß unters Kinn, während seine Schülerin sich aufrichtete, hätte er den Kampf auf einfachste Weise für sich entscheiden können. Stattdessen blieb er ruhig stehen und ließ Pan sich aufrichten. Einen Moment standen beide nur da und schauten sich an.

»Sag mal, Pan, trainierst du heimlich?«, fragte er plötzlich und zog seinen schwarzen Stoffgürtel, welcher sein helles Kampfgewand zusammenhielt, fester zu.

»Ja, jede Nacht!«, erwiderte Pan in einem spöttischen Ton. Dabei war die Idee gar nicht so weit hergeholt. Früher, als kleines Mädchen, war sie nachts des Öfteren aufgestanden und hatte mit beißenden Tränen in den Augen Liegestützen gemacht, nur, um jede magere Mahlzeit, die sie bekam, in Muskelmasse umzusetzen. Dadurch, hatte Pan gelernt, taten die Schläge und Tritte, die sie nur allzu oft einbüßen musste, nicht mehr so weh, wie auf weichem Gewebe.

Ganz aus den Gedanken gerissen, sah sie plötzlich Oberon wieder auf sich zu laufen, er stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und versuchte es mit einem Luftangriff. Drohend drehte er sich schwungvoll um sich selbst und Pan erkannte, was er vorhatte. Geschickt wie ein Reh, sprang sie zur Seite und ließ ihren Lehrer mit all der Kraft seines rechten Fußes durch das Holz unter den schwarzen Strohmatten brechen. Hätte Oberon mit diesem wuchtigen Tritt getroffen, hätte das ein schmerzhaftes Ende des Kampfes für sie bedeutet. Aber Oberon kannte seine Pan gut, er hatte gewusst, dass sie es schaffen würde, ihm rechtzeitig auszuweichen. Schließlich war er es gewesen, der es ihr in zahllosen Stunden beigebracht hatte.

Zu ihrer Belustigung fiel Pan auf, wessen Zelle unter der Bruchstelle lag. Garantiert regnete es dort jetzt Putz und Kiesel, aber für solche Gedanken blieb keine Zeit. Oberon steckte fest, die zerbrochenen Dielen versperrten seinem Knöchel den Weg aus dem Einschlagsloch. Sie musste handeln, sofort! Pan nutzte den Moment, um den entscheidenden Treffer zu erzielen, konzentrierte sich kurz und rammte dann ihren Ellbogen mit ihrer ganzen Kraft in Oberons Magen. Ein gedämpftes Keuchen war das Einzige, was der Amphim noch herausbrachte. Blaues Blut tropfte aus seinem Mund auf den Boden. Seine grauen Augen blickten entrückt in die Ferne.

»Hah! Oberon«, freute sich Pan, »ich glaube, dieser Kampf ist vorbahh! Verflucht!« Der Amphim hatte das siegessichere Mädchen gepackt und hielt sie jetzt mit seiner kräftigen Hand um ihren Hals in der Luft, mit der anderen wischte er sich selbst das dunkle Blut vom Kinn.

»So wirst du Alistos niemals ebenbürtig sein! Du bist selbst schuld, wenn du dich am Hals erwischen lässt. Du solltest mehr auf deinen Gegner achten, als große Reden zu halten. Gib jetzt auf oder ich drück dir die Luft ab. Jetzt ist der Kampf vorbei.«

»… Nein ist er nicht«, krächzte Pan um Atem ringend. Sie legte beide Hände an Oberons Arm und versuchte sich zu befreien, aber vergebens, ihre kräftigen Arme waren Streichhölzer gegen Oberons, die scheinbar nur aus Muskeln zu bestehen schienen.

»So etwas Trotziges habe ich mir schon gedacht. Na dann …« Oberon drückte lächelnd mit dem Daumen auf Pans Kehlkopf.

Ihr hilfloses Gurgeln brach schlagartig ab und ihre Augäpfel rollten nach hinten.

Wieder lief Blut, doch dieses Mal rotes, Pans Blut. Oberon hatte sie, dem Würgespiel überdrüssig, vor eine der nahen Wände geschmettert. Bewusstlos sank sie nun mit einer dicken Platzwunde an der Stirn, an den eingedellten Brettern bewegungslos zu Boden. Zufrieden drehte Oberon seinen Fuß aus den zerbrochenen Dielen und wandte sich zum Fenster, um den noch grauen Morgen zu betrachten.

»Du musst noch eine Menge lernen, Pan. Beherrsche dein Gemüt, sonst endest du so erbärmlich wie dein Bruder … Pan?« Als Oberon ein Geräusch vernahm und sich umdrehte, war seine Schülerin verschwunden, einzig und allein ein kleiner Blutfleck lief langsam das Holz hinunter. Viele kleine Tröpfchen waren in einer langen Reihe auf den Matten verteilt. Nein, Pan war nicht bewusstlos, eine kleine Wunde am Kopf versenkte sie wohl kaum ins Reich der Träume, nicht so eine Kleinigkeit. Durchhaltevermögen und im wahrsten Sinne des Wortes einen Dickschädel, dies beides besaß sie wohl.

Zu spät bemerkte Oberon, wohin die getröpfelte Blutspur führte. Pan sprang ihm von hinten ins Genick und legte die Arme um seinen Hals, die Beine schlang sie um seinen Oberkörper, als wollte sie von ihm getragen werden. Doch so war es nicht. Vollkommen ruhig betätigte sie nun den längeren Hebel und drückte ihrem Meister mal mehr, mal weniger die Luftröhre zu. Auch dessen muskulöser Stiernacken konnte ihn vor diesem hinterhältigen Angriff nicht retten.

»Oberon, du sprichst so oft über meinen Bruder. Aber niemals erzählst du mir etwas Genaueres. Willst du mich nicht endlich mal einweihen?«, spöttisch betonte sie das Wort Bruder. Manchmal glaubte sie, Oberon würde sie mit dieser Brudergeschichte nur aufziehen wollen, andererseits war es ihr manchmal, als hätte sie tatsächlich einmal einen großen Bruder gehabt. Sie wollte es um jeden Preis erfahren, aber Oberon blieb jedes Mal eisern.

»Nein, tut mir leid. Selbst wenn ich es dir sagen wollte, Alistos hat es mir strengstens verboten. Ich kann dir aber ein Angebot machen, du scheinst heute in guter Verfassung zu sein: Wenn du mich in diesem Kampf besiegst, sind wir unserem Ziel ein großes Stück näher. Zur Belohnung erzähle ich dir etwas von deinem Bruder.«

»Klingt doch sehr gut! Heul nicht, wenn du verlierst«, stimmte Pan selbstsicher zu und schmunzelte über den Gedanken, dass Alistos noch immer glaubte, Oberon trainiere sie, um für ihn zu kämpfen. Dabei war es doch etwas ganz anderes, wonach sie und ihr Meister strebten: Freiheit.

»Keine Angst, das werde ich schon nicht. Aber du solltest den Mund nicht zu voll nehmen, du bist mit deiner Ausbildung noch nicht fertig. Du hast noch einiges zu lernen.«

Verbissen presste Pan die Lippen aufeinander. Noch nie war es ihr gelungen, Oberon im Zweikampf zu besiegen, nicht ein Mal. Und jener peinliche Kampf, den sie gegen Alistos persönlich austragen sollte, weil er ihre Fähigkeiten testen wollte, war alles andere als gesund für sie ausgegangen. Das Einzige, was sie je erreicht hatte, war ein Unentschieden zwischen sich und ihrem Meister, als sie sich gegenseitig bewusstlos geschlagen hatten, und darauf war sie stolz. Jetzt war ein Sieg so nah und Pan fast am Ziel ihrer Träume, sie durfte sich keinen Fehler erlauben.

»Ich hoffe, ich tue dir nicht zu sehr weh. Du weißt, wann du aufgeben musst, nehme ich an«, bemerkte ihr Meister in einem ernsten Ton, »aber ich denke, du bist bereit, heute etwas Neues kennenzulernen. Alistos wird ihn ebenso als Waffe gegen dich einsetzen können, den Druck des Meeres. Unsere nahezu göttliche Fähigkeit als Amphimen.« Pan hielt ihn immer noch fest umklammert, stutzte aber.

»Meeresdruck?! Was soll das bitte sein? Das nächste Meer ist weit entfernt.«

»Das macht nichts, warte nur.« Oberon spannte seine Muskeln, er konzentrierte sich stark auf etwas, was sein Lehrling nicht sehen konnte. Es sah so aus, als würde er etwas heraufbeschwören. Zur Sicherheit verstärkte Pan ihren Griff um seinen Hals. Es handelte sich garantiert um ein Ablenkungsmanöver.

Sekunden später wurde sie vom Gegenteil überzeugt: Auf einmal durchströmte ein gewaltiger Druck den Raum, so ein Druck, wie er wohl auf dem Meeresgrund herrschen musste. Er ließ Pans Glieder schwer werden, sodass es ihr nicht mehr möglich war, sich weiterhin an Oberon festzuhalten und sie krachend auf den Boden schlug. Es fühlte sich an, als ob das Gewicht von mehreren Granitfelsen auf ihren Schädel drückte. Ihr Kopf schmerzte, sie hatte das Gefühl, ihre Augen würden gewaltsam in ihre Höhlen gedrückt. Ihr gesamter Körper schien sich zusammenzupressen. Die Wunde an ihrer Stirn spie plötzlich noch mehr Blut aus, welches ihr in großen Massen in die Augen lief und sie nahezu blind machte. Jeder einzelne Muskelstrang wurde zusammengedrückt. Pan konnte sich kaum noch rühren.

»Gibst du auf?«, fragte Oberon, dem der Druck dem Anschein nach nichts ausmachte, was nur allzu verständlich war. Er war schließlich ein Amphim und diese Rasse tauchte tief.

»N … nein, i … ich, ich werde niemals aufgeben«, brachte Pan unter großer Anstrengung hervor. Sie ärgerte sich selbst über ihre vorherige Überheblichkeit und wollte den Sieg nun umso mehr.

»Pan, gib auf. Man muss wissen, wann man verloren hat.«

»Ich weiß … und dieser Kampf … ist noch nicht zu … zu Ende. Du musst … deine ganze Konzentration in diesen Druck setzen, du wirst … ihn nicht ewig halten kö … kö …« Sie schaffte es nicht mehr den Satz zu Ende zu sprechen, der schmerzende Druck presste die Luft aus ihren Lungen und lähmte ihre Zunge.

»Pan!« Oberon löste bestürzt die Hände, die er wie zu einem Gebet gefaltet hatte, und ließ somit den Druck nachgeben. Er befürchtete, seinen Schützling ernsthaft verletzt zu haben, aber diese Annahme erwies sich als falsch. Ehe er den Druck wieder aufbauen konnte, richtete Pan sich blitzartig auf und traf mit ihrem Fußdeckel Oberons ungeschütztes Genick.

Der Amphim landete mit einem dumpfen Geräusch auf den Matten und blieb regungslos liegen. Jetzt, wo der Druck nicht mehr auf Pan lastete, konnte sie sich wieder bewegen und frei atmen, aber der plötzliche Wechsel machte ihr ziemlich zu schaffen und durch den seltsamen Angriff war viel Blut aus ihrer Kopfwunde heraus gepresst worden.

»Volltreffer«, murmelte sie schwankend. In ihrem Blickfeld drehte sich alles und vor ihren Augen zog ein schwarzer Horizont auf. Noch immer siegreich lächelnd landete sie mit einem leisen Poltern neben ihrem Meister.

 

 


Kapitel 4 - Verspieltes Geheimnis

 

»Oberon?« Pan öffnete die Augen. Sie lag auf einer unbequemen Pritsche im Krankenzimmer, dort wo Schwerverletzte ihre letzten Atemzüge taten und stümperhaft darauf untersucht wurden, ob es sich noch lohnen würde, sie weiterhin durchzufüttern oder man ihnen besser gleich den Gnadenstoß versetzen sollte.

»Ja, dein Meister«, zischte Oberon betont distanziert hervor und warf einen raschen Blick auf Setrios, einen der wenigen Amphimen, der etwas von Medizin verstand, welcher auch sogleich mit einem stummen Nicken aus der Tür ging und die beiden allein ließ. Oberon selbst stand neben der dürftig zusammengezimmerten Liegestatt und wischte dem verwirrten Mädchen mit einem alten Stofffetzen das restliche Blut von der desinfizierten Stirn.

»Wie lange war ich bewusstlos?«, erkundigte sich dieses und versuchte sich vorsichtig aufzurichten.

»Ich kann es nicht genau sagen. Bin selbst nicht ganz bei mir gewesen. Setrios hat uns so gefunden. Ein paar Minuten werden es schon gewesen sein … Na ja, die Meisten wachen gar nicht mehr auf, nachdem sie den Druck des Meeres zu spüren bekommen haben. Dass du dich so schnell erholst, hätte ich nicht gedacht. Da will man dir ein bisschen Ruhe gönnen und du wachst gleich wieder auf«, erzählte ihr Oberon lachend und verzog seinen breiten Mund zu einem sanften Lächeln. Doch in Pans Kopf arbeitete es unermüdlich, Bruchstücke fügten sich zusammen, bis sie sich an das Ende des Kampfes erinnern konnte, bevor der schwarze Vorhang gefallen war. Oberon war zuerst umgekippt, sie sah es noch ganz deutlich vor sich.

»Du hast verloren!«, brach sie plötzlich heraus. »Du bist als Erster gefallen! Wir hatten eine Abmachung!« Oberon hob beschwichtigend die Hände und brachte seinen aufgeregten Lehrling auf diese Weise zur Ruhe.

»Ich habe es nicht vergessen, doch hoffte ich, du hättest es …«

»Oberon!« Die Spannung in Pan war unerträglich, sie übertönte die noch immer pochenden Kopfschmerzen und verbannte sogar ihre brennende Stirnwunde ins Vergessen. Ein neues Geheimnis, etwas Interessantes, sie hatte es sich erkämpft und jetzt wollte sie wissen, womit Oberon sie ständig neckte. Viel mehr zählte für sie dieser Fetzen Spannung in ihrem trostlosen Leben, als dass sie einen Kampf gegen ihren Meister gewonnen hatte. Das würde sie sich sowieso erst erlauben zu genießen, wenn sie gegen ihn gewann, ohne selbst bewusstlos zu werden.

Der Amphim seufzte tief, zog sich einen staubigen Holzschemel heran und ließ sich darauf nieder. Er erzählte dem euphorischen Mädchen, wie er es versprochen hatte, die Geschichte von jenem lauen Sommerabend vor zehn Jahren und bald bereute Pan es, je danach gefragt zu haben.

                                  

Erinnerungen stürzten auf sie ein, zerbrachen den schützenden Panzer der Verdrängung, den sie sich über Jahre aufgebaut hatte, binnen ein paar Minuten und durchfluteten Pans Seele mit bitteren Gewissensbissen. Sie verbot sich in Gegenwart ihres Meisters Schwäche zu zeigen und schluckte all die harten Worte und schmerzlichen Erinnerungen wie einen schweren Kloß hinunter. Ja, sie erinnerte sich.

All die Gefühle, Hass auf Alistos, Wut gegen alle Amphimen und tiefe Traurigkeit, die wie Speere donnernd in ihr schweres Herz einschlugen, zu den verrotteten Pfeilen, die dort ohnehin schon steckten, drohten sie zu übermannen.

Zittrig stieß Pan die Luft aus und hoffte, sie möge in ihren Traum zurückfallen, ihre wiederentdeckte Vergangenheit noch einmal vergessen können und niemals danach fragen.

Sie wollte aufstehen, doch Oberon hielt sie bestimmt an der Schulter fest.

»Versprich mir, dass du niemandem davon erzählst! Wenn du jetzt zu Alistos läufst und deinen Gefühlen freien Lauf lässt, sind wir beide verloren. Dazu ist es noch zu früh. Dann lass deine zügellose Wut an mir aus!« Er ließ sie los und starrte Pan ernst an, doch er sah keinen Zorn in ihren tiefbraunen Augen auflodern.

»Nein, du verstehst nicht, Oberon. Ich bin nicht wütend, meine Wut ist längst kalt. Zwar brenne ich darauf, Alistos für seine Taten bluten zu sehen, doch dieses Feuer hüte ich als eine kleine Flamme. Ich habe fast vergessen, warum ich ihn so hasse. Danke, dass du mir meine Erinnerung zurückgebracht hast …« Ihr Blick glitt zu Boden und stieg langsam an Oberon hinauf, bis hin zu seinen undurchdringlichen grauen Augen. »Wir warten noch, und wenn ich dir wirklich ebenbürtig bin, töten wir ihn gemeinsam und lassen diesen Wahnsinn endlich aufhören! Dann kannst du zurück ans Meer und ich von diesem grässlichen Ort fliehen.«

Oberon blieben bei dieser gefassten Rede die Worte fern. Er hatte wahrlich nicht gedacht, dass Pan in dieser schwierigen Situation so gelassen reagieren würde. Aber genau so ein Verhalten war wünschenswert für einen guten Lehrling! Sie gab selbst zu, ihm nicht ebenbürtig zu sein, obwohl sie ihren Meister offen und ehrlich geschlagen hatte, trotz seines letzten Trumpfs. So ein Respekt war erstrebenswert für all seine Schüler, doch deren Wille war nicht so unbarmherzig von Alistos gebrochen worden.

Warm lächelnd reichte er ihr die grünlich geschuppte Hand, und als Pan sie ergriff, um sich von ihm hochziehen zu lassen, fühlte er sich stolz wie der Vater einer Tochter, die gelernt hatte zu laufen.

»Zeit zum Frühstücken?«, fragte er. Sie nickte und ließ sich durch Oberons Arm schwungvoll von der Pritsche ziehen. Wenn ihr Meister sie derart stolz anblickte, waren stets alle Verletzungen und Schmerzen der letzten Stunden vergessen.

»Die anderen fressen dir bestimmt schon wieder das Futter vor der Nase weg.« Oberon zwinkerte ihr scherzend zu, gab Pan einen leichten Stoffverband für ihre Kopfverletzung und begleitete sie aus dem kleinen dunklen Raum heraus, in dem schon so viele ihren Verletzungen erlegen waren.

 

Während sie Seite an Seite den tristen Gang zur Sammelhalle entlangschritten, dachte Oberon über sich und seinen Platz an diesem grässlichen Ort nach.

Was tat er hier eigentlich? Er trainierte und unterrichtete die entführten Kinder von klein auf, um sie für Alistos zu fähigen Kriegern auszubilden, die nur einem einzigen Befehl gehorchen sollten. Vor allem brachte er ihnen das Ngari bei, eine Kampfkunst des letzten Zeitalters, die nur noch wenige beherrschten. Er war der einzige Amphim, der sich schon früh für diese alte Kunst der Menschen und sie selbst interessiert hatte. Vielleicht lag es daran, dass er auch als einziger der Amphimen langes schwarzes Haupthaar besaß. Vielleicht ließ ihn dieser menschliche Zug, die Menschen aus einem anderen Blickwinkel sehen.

Doch viel zu oft waren Oberon Zweifel gekommen, nicht etwa ob es richtig oder falsch war, Kinder zu entführen, es lag im Wesen jedes Amphims skrupellos zu sein. Das war es nicht. Er fragte sich so oft, ob diese Kinder es verstanden: Die Art zu kämpfen. Den Grund. Mit dem Kopf und dem Herzen zu kämpfen. Manchmal überkam ihn das Gefühl, Pan sei eine der Einzigen in all den Jahren, die wirklich verstanden, was er seinen Lehrlingen in zahllosen Stunden beizubringen versuchte. Allein schon durch das tägliche Extratraining, das Alistos vor Jahren für seinen rohen Diamanten angeordnet hatte, kämpfte Pan nicht auf dem Niveau der anderen Schüler.

Ihm selbst war eines Tages aufgegangen, was Alistos damals in dem Mädchen gesehen haben musste: Im Kampf war es stets, als würde ein Feuer durch ihre Adern fließen, das nur darauf wartete, herausgelassen zu werden. Ein Feuer, das sie wissen ließ, wo die Deckung des Gegners am schwächsten war, welchen Schritt sie als nächstes gehen musste und wie viel Kraft für einen treffsicheren Schlag gebraucht wurde. Sie war geschickt im Kampf und ein kluges Köpfchen noch dazu. Bei ihr hatte er wirklich hervorragende Arbeit geleistet.

Mit einem prüfenden Seitenblick auf das Mädchen an seiner Seite, welches ihm bedingungslos durch die halbdunklen Gänge folgte und sich in diesem Augenblick den Verband anlegte, vertiefte sich der Amphim noch ein wenig weiter in seine Gedanken.

Manchmal reagierte Pan in unbekannten Situationen instinktiv richtig, als wäre es ihr angeboren. Ihre Selbstdisziplin und ihr unbändiger Kampfgeist taten das Übrige. Aber all das und auch mit ihm an ihrer Seite, würde für Pan niemals die Chance auf eine Flucht bestehen. Das würde Alistos nicht zulassen und ein Kampf war auch zu zweit nicht gegen diesen Tyrannen zu gewinnen. Noch nicht. Alistos entstammte einem viel zu mächtigen Herrschergeschlecht und hatte, genau wie Oberon selbst, einen beträchtlichen Vorsprung an Kampferfahrung.

Pan müsste noch viele Jahre trainieren, um ihm die Stirn bieten zu können und von diesem furchtbaren Ort zu fliehen. Dass dies jedoch, das eigentliche Ziel ihrer Ausbildung war, wussten nur Oberon und sie allein. Und so musste es auch bleiben! Alistos verfolgte noch immer den Plan, die Halbwüchsige darauf zu trainieren, später einmal als fähige Abgesandte weitere Dörfer zur Kapitulation zu bewegen und für ihn alle nur erdenklichen Verbrechen zu begehen. Dem mächtigen Amphim gefiel mehr und mehr der Gedanke, nicht immer eine ganze Truppe von Untergebenen aussenden zu müssen, um sein Herrschaftsgebiet auszudehnen, und so setzte er viel Hoffnung in seinen Diamanten, den er mit jedem Jahr feiner schleifen ließ. Bald würde es wieder Zeit für eine Begutachtung ihrer Fähigkeiten werden, aber Oberon wusste Pans wahre Stärke geschickt zu verschleiern.

 

Nach wenigen Minuten erreichte das ungleiche Paar ein großes hölzernes Portal, über dem ein fein geschnitzter Fischkopf angebracht war. Sie trennten sich und verabschiedeten einander mit einem stummen Kopfnicken.

Oberon frühstückte nie, auch nicht mit den anderen Amphimen, er zog es vor zu meditieren und die Ruhe des frühen Morgens zu genießen. Erst kurz bevor der Schnatterhüpfer zum Morgengrauen schrie, machte er sich auf, um mit Pan zu trainieren. Danach waren die anderen Schüler dran.

Während er seinen Weg in den Trainingsraum fortsetzte, trat Pan alleine durch das Portal in die Sammelhalle. Sogleich kam ihr lautes Gemurmel entgegen. Wie immer war es überfüllt und das Essen nur begrenzt. Elevi befand sich auch schon dort, er saß wie jeden Morgen auf einer der vier langen Bänke, die immer zu zweit um einen Holztisch angeordnet waren. Mellmeg und Tut saßen am selben Tisch wie ihr Freund, da war der kommende Ärger bereits zu erwarten. Sie schüttelte einmal fest den Kopf und schaltete ihren Verstand von ihrem wahren Ich auf die Mentalität eines weniger talentierten und äußerst unsicheren Mädchens um. Pan hasste es jedes Mal, aber was Oberon gebot, war ein unbrechbares Gesetz für sie.

»Pan, da bist du ja endlich. Was soll denn der Verband?«, fragte sie ein magerer Junge, dessen kindliches Gesicht und munter strahlende, blaue Augen sie nur zu gut kannte. Ihr Freund Elevi schien wirklich immer gute Laune zu haben.

»Hab mich heute Morgen beim Aufstehen blöd gestoßen«, entgegnete Pan so gut improvisierend, als wäre es wirklich so passiert. »Was gibt’s denn zu essen?«, lenkte sie schnell ab.

»Du meinst wohl, was es gab. Das ist nämlich mal wieder alles schon weg. Und wieder kommst du zu spät und kriegst nichts mehr. Aber ich konnte was stibitzen!« Er hielt ihr grinsend eine Scheibe Brot und ein Stück Fleisch vor die Nase.

»Man hat mich aufgehalten wegen meiner Stirn«, brummelte Pan dennoch lächelnd und nahm dankend das mehr oder weniger ehrlich erworbene Essen entgegen. Gerade als sie sich auf den seltenen Geschmack von frischem Fleisch freute, wurde sie von einer nervtötenden Stimme unterbrochen:

»Na sieh mal einer an, Panpan was machst du denn für Sachen? Läufst du jetzt schon freiwillig gegen Wände?!« Ein innerlicher Seufzer entfuhr Pan. In Gedanken drehte sie sich um und schlug Mellmeg für seine spottende Bemerkung ins Gesicht. Sie unterdrückte schwer schluckend den Drang, es tatsächlich zu tun.

»Du brauchst nicht extra Panpan zu sagen, einmal Pan reicht«, zischte sie und strich sich genervt eine Haarsträhne hinters Ohr. In dem Moment, als sie sich umdrehte, wünschte sie sich mit ihrem Blick töten zu können. Finster starrte sie den hünenhaften Jungen mit den langen dunklen Haaren an und ebenso finster starrte dieser mit schmalen Augen zurück.

»Lass sie in Ruhe Mellmeg, sonst kriegst du Ärger mit mir.« Elevi drohte seinem Gegenüber mit der Faust. Das tat er immer, wenn jemand Pan ärgerte, aber diese war ihm alles andere als dankbar dafür. So handelte er sich auch Schwierigkeiten ein und das gehörte keinesfalls zu ihren Absichten. Elevi machte mit seinem schlaksigen Körperbau nicht wirklich einen Krieger her. Es brachte rein gar nichts, wenn er jemandem drohte. Auch wenn es nett gemeint war, sorgte es doch bestenfalls für ein paar Lacher unter den weniger freundlichen Lehrlingen. Dafür aber verstand sich der Bursche gut auf das Stehlen, das konnte er wirklich ziemlich gut. Diese Eigenschaft an Elevi hatte Pan schon oft das Frühstück gerettet.

»Ach, du willst dich mit uns anlegen, Schwächling?« Tut, eine enge Freundin von Mellmeg, hatte sich eingemischt und kam leichtfüßig herangetanzt. »Du hast doch nur ein grünes Band. Schau mal, was hier an meinem zarten Gelenk sitzt.«

Pan musste fast brechen vor Unbehagen. Mellmeg und seine dauergrinsende Kumpanin Tut hielten sich tatsächlich für die Fähigsten unter den Lehrlingen und dachten, sie könnten sich deswegen alles erlauben. Pan ließ diese respektlose Behandlung nur über sich ergehen, weil Oberon ihr verboten hatte, ihre wahre Stärke unter den anderen Schülern zu zeigen. Sie sollte ihr Talent, so gut es eben ging, verbergen, um die Erfahrung zu machen, das letzte Glied in der Nahrungskette zu sein. Ihr Meister vertrat die Ansicht, das wäre gut für ihren Charakter, aber Pan war der festen Überzeugung, dass Alistos dies angeordnet hatte, um sie einfach nur noch ein bisschen mehr leiden zu sehen.

Mit grimmigem Blick besah sie sich das gelbe Band an ihrem eigenen schmalen Handgelenk und starrte nun wieder zu Tut und Mellmeg herüber, die grinsend auf ihre rot gefärbten Bänder deuteten.

»Rote sind die Besten, die Blauen wollen’s testen! Grün, die können wenig, gelb, die schnallen’s eh nicht!«, reimte Tut gut gelaunt und brach im Anschluss in einen hässlichen Lachanfall aus. Ihre roten Locken verteilten sich dabei über ihr ganzes Gesicht.

»Ganz klasse«, dachte Pan und verdrehte die Augen. Wie konnte Oberon es nur erlauben, diesen beiden Vollidioten ein rotes Band zu geben? Seit sie es letztes Jahr für ihren Leistungsfortschritt bekommen hatten, waren sie noch unausstehlicher als vorher geworden. Was sie im Ngari auszeichnete, fehlte ihnen ganz offensichtlich im Kopf.

Noch dazu fanden sie immer irgendeinen Grund, ihren Frust an Pan oder anderen auszulassen und das nun schon, seit sie sich erinnern konnte.

Früher wäre Pan fast unter dieser Last zusammengebrochen. Sie hatte als kleines Mädchen stundenlang geweint, weil sie sich ständig ausgestoßen gefühlt hatte. Aber irgendwann hatte sie angefangen auch nachts in ihrer Zelle zu trainieren und das, was sie konnte, auszubauen, um Mellmeg und Tut irgendwann alle Gemeinheiten zurückzuzahlen. Als Oberon aber ihren Fortschritt erkannt hatte, hatte er sofort das Verbot verhängt.

Mit der Zeit hatte es Pan immer weniger ausgemacht, von so vielen Seiten belästigt zu werden. In Wirklichkeit lachte sie innerlich über die Unwissenden und wartete voll Verlangen, ihre wahre Stärke zu zeigen, auf den Tag, an dem ihr Meister es ihr endlich erlauben würde. So lange blieb sie still und schwach.

 

Die beiden streitsuchenden Rotbänder waren gerade dabei, drohend auf Elevi und Pan zuzugehen, als Sub einen Gong schlug. In großer Eile verließen alle Lehrlinge wie aufgeschreckte Ameisen den Raum, um zum Training zu gehen. Pan verschlang währenddessen eilig ihr Brot und hastete dann mit Elevi aus der Sammelhalle, den anderen hinterher. In einer langen Reihe einsortiert, ordentlich, diszipliniert.

Die Gruppe, bestehend aus gut dreißig Schülern, wanderte im Eiltempo die langen Korridore entlang, allen voraus natürlich Mellmeg und Tut.

»Pan, willst du mein Partner sein, wenn wir heute einen Freikampf machen?«, fragte Elevi auf dem ansonsten schweigsamen Weg zum Trainingsraum.

»Sehr gern.« Über diese kleine Aufmerksamkeit freute sich Pan immer wieder aufs Neue.

»Nicht so lahm!«, brüllte Oberon, welcher bereits ungeduldig wartete, vom anderen Ende des Gangs. Bei dem Raum, in dem er die entführten Kinder seit Jahren trainierte, handelte es sich selbstverständlich nicht um den gleichen Trainingsraum, in dem er und Pan vor dem Frühstück gekämpft hatten. Nein, dieser riesige Saal war nicht mit schwarzen Matten ausgelegt, sondern mit roten und hier klebte auch kein Blut. Nur selten kam es dazu, dass jemand Blut spuckte oder sich eine Wunde riss und wenn, wurde sofort von den Schülern gesäubert. Ansonsten bildete das hohe Gemäuer das genaue Abbild dessen, was zwei Etagen höher im Turm verborgen lag.

»Ihr kommt spät! Meint ihr eigentlich, ich warte hier zum Spaß?!«, rief Oberon der Gruppe unwirsch zu. »Jetzt beeilt euch mal! Hop hop! Rein da und jeder zwei Dutzend Liegestütz!« Die Gruppe tat, wie ihnen befohlen: Sie alle traten geordnet herein und machten schweigend ihre Liegestützen. Unterdessen schloss Oberon die Holztür, ging im Raum herum und achtete darauf, dass die Strafübungen auch gemacht wurden, wie sie sollten.

Vierundzwanzig Liegestützen, das war lächerlich. Pan musste fast lachen, aber sie verkniff es sich, machte ein ernstes Gesicht und trödelte extra ein bisschen, um nicht aufzufallen. Als auch die Letzten, natürlich sie und der kleine magere Ikarus, nach einer knappen Minute fertig waren, begann das eigentliche Training:

Nach einer halben Stunde Warmlaufen und ein paar Dutzend Dehnübungen folgten, wie zu Anfang jeder Trainingsstunde, die Grundregeln für gezielte Tritte und Schläge. Diese wurden immer zu zweit geübt. Einer der Partner übernahm den Angriff, der andere durfte sich nach allen Regeln der Kunst verteidigen. Ihr Lehrmeister beobachtete sie dabei mit strengen Augen und verteilte leichte Stockhiebe an jene, welche die Übungen nicht korrekt ausführten oder aus Faulheit oder Erschöpfung nicht mit ganzem Einsatz kämpften. Wer für seinen Gegner zu langsam war, mit dem hatte auch Oberon kein Mitleid, er musste einstecken, was sein Partner ihm entgegenbrachte. Fressen oder gefressen werden.

Wenn der Amphim das Gefühl hatte, seine Lehrlinge hätten die neuen Techniken halbwegs begriffen, führte Oberon ihnen neue und kompliziertere Haltungen vor, die sie versuchen sollten nachzuahmen. Im Anschluss wurden manches Mal kurze Holzstäbe an die Halbwüchsigen verteilt, die als stumpfe Hieb- und Stichwaffen genutzt werden sollten. Auf diese Weise sollte Alistos’ Armee auch an den Gebrauch von Waffen gewöhnt werden, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Richtige Klingen wurden nur in Einzelfällen verteilt, um das zielgenaue Messerwerfen zu perfektionieren.

Nach zwei Stunden voller Schweiß und Anstrengung wandte sich Oberon zum Abschluss des Trainings an Mellmeg, der sich heute wieder einmal am besten präsentiert hatte:

»Du hast dich heute wieder hervorragend geschlagen, Mellmeg. Du darfst wählen, auf welche Weise wir das heutige Training beenden. Nun?«

»Ich danke Euch, Meister. Einen Freikampf mit Partner würde ich mir wünschen«, schlug der schwarzhaarige Junge kleinlaut vor, dabei warf er Pan einen verächtlichen Seitenblick zu und verbeugte sich vor Oberon für dessen großzügiges Angebot, sodass sein langes Haar fast über die roten Matten schliff.

»So ein ekliger Schleimer«, flüsterte Elevi, dass es nur Pan, die neben ihm stand, hören konnte. Nickend stimmte sie zu und malte sich in Gedanken bereits die kommende Katastrophe aus. Ein Freikampf wäre in Ordnung gewesen, da hätte sie sich Elevi als Partner schnappen können, um mit ihm einen unbesprochenen Kampf ohne feste Regeln auszutragen. Ein Freikampf mit Partner erweiterte das Schlachtfeld allerdings gewaltig: Sie und Elevi gegen den Rest der gebildeten Paare. Am Ende dieses grausamen Spiels blieb dann für gewöhnlich nur noch ein kampffähiges Pärchen über, welches alle anderen niedergestreckt hatte und das waren die Gewinner.

Natürlich stürzte man sich am liebsten auf jene, die nicht allzu gut darin sein würden, zurückzuschlagen. So konnte man wenigstens einen Kampf bestehen, bevor man es mit Tut und Mellmeg aufnehmen musste, die für gewöhnlich jedes Mal den unangefochtenen Sieg davon trugen und dann, zu Pans Unverständnis, vor Stolz fast platzten.

Empfanden diese beiden es tatsächlich als Ehre, für die Amphimen kämpfen zu sollen? Dann hatte Alistos’ Gehirnwäsche ja zumindest bei denen funktioniert.

Pan schluckte hart und band sich zur Vorbereitung auf das Kommende einen strammen Zopf. Blaue Flecken und blutige Kratzer auf ihrer Haut zeugten davon, wer stets der allgemeine Liebling der Menge war. Sie und Elevi würden ein gefundenes Fressen für die anderen abgeben. Wie so oft fragte sie sich, ob es anders sein würde, wenn sie sich wenigstens mit Worten gegen ihren Platz in der Hackordnung hätte wehren können. Aber sie redete nicht viel mit den anderen, worüber auch? Wenn die Lehrlinge sich über ein neues Gerücht oder die Kochkünste der Amphimen unterhielten, starrte Pan so oft mit nicht zu deutendem Gesichtsausdruck in die Ferne. Sie musste auf die anderen so wirken, als wäre sie geistig völlig abwesend. Oft war sie dies auch tatsächlich. In Gedanken daran vertieft, dass dies nicht der Platz war, an den sie gehörte, unaufhörlich das Gefühl habend, dass es außerhalb des Hauptquartiers etwas gab, das sie wie magisch Nacht für Nacht an das kleine Fenster ihrer Zelle zog. Auch ohne den beträchtlichen Kraft- und Geschicklichkeitsunterschied zu den anderen, fühlte Pan sich stets anders, einfach nicht zugehörig …

Elevi allerdings hielt zu ihr wie ein Bruder, aber gerade das drückte ihn in der bestehenden Rangordnung mindestens genauso tief hinunter, dass sie sich am Boden gegenseitig zuwinken konnten.

»Ein guter Vorschlag, sucht euch einen Partner und dann zeigt mir, was ihr könnt. Die Gewinner kriegen heute Nachmittag eine halbe Stunde länger Pause«, verkündete Oberon und riss Pan aus ihren abschweifenden Gedanken.

Plötzlich wurden nervöse Blicke getauscht, die schließlich bei Mellmeg und Tut endeten, welche auf eine bestimmte Person hin nickten.

»Hervorragend«, zischte es Pan durch den Kopf, als sie bemerkte, dass sich ihre Befürchtung ein weiteres Mal bewahrheitet hatte.

Zum Zeichen des Anpfiffs hob Oberon seinen Arm und sofort stürzte sich die ganze Gruppe auf das braunhaarige Mädchen. Elevi ging mutig dazwischen, doch er wurde mühelos beiseite gezerrt und in ein anstrengendes Duell mit dem groß gewachsenen Linu und seinem Partner Raak verwickelt.

Ein Schlag in ihr Genick gab Pan einen Anlass, sich auf den Boden fallen zu lassen. Wenn sie auf dem Bauch lag, taten die Tritte nicht so weh, ihr Rückgrat war stabil und konnte es aushalten, wenn diese Barbaren auf ihr herumsprangen. Sie spürte die Tritte der anderen auf ihrem Rücken nur noch als dumpfe Schläge, die ihre Knochen zum Beben brachten, nichts weiter … Ihr Gesicht, welches sie mit den Händen schützte, wurde hart auf den Boden gedrückt. Unbeeindruckt legte sie den Kopf schräg, damit ihre Nase nicht brach.

»Fast wie immer. Dann kann ich heute Abend wieder Flecken zählen«, dachte sie bei sich und ließ ab und an einen Schmerzenslaut von sich hören, wenn jemand überraschenderweise eine empfindliche Stelle traf. Es war nichts Ernstes, nichts im Vergleich zu den Angriffen ihres Meisters. Rufe, Geschrei, Gelächter, Schmerzen, an die sie sich schon längst gewöhnt hatte, alles verschwamm zu einem grauen Brei aus Gleichgültigkeit. Nicht mehr lange und sie würden von ihr ablassen, sich anderen zuwenden und übereinander herfallen wie wilde Tiere.

Ihre unerreichbare Gleichgültigkeit wandelte sich jedoch plötzlich in Besorgnis, als sie aus dem Geschrei einen Ruf heraushörte, der ihr beim Hören einen Stich ins Herz versetzte. Elevi war scheinbar als nächster dran. Pan reckte den Kopf, um erkennen zu können, was sie mit ihm trieben, um ihn kampfunfähig zu machen, aber kräftige Hände drückten sie zurück auf den Boden. Krachend schlug sie mit der Stirn auf die Matten und spürte, wie die Platzwunde von heute Morgen wieder zu brennen begann. Knackende Laute drangen an ihre Ohren, so als ob man einen Ast zerbräche. Inständig hoffte sie, dass es nicht Elevis Knochen waren.

»Ist ja gut! Ich gebe freiwillig auf! Hört auf!« Das war zweifellos seine Stimme. Doch keiner der Schüler ergab sich jemals freiwillig. Wenn so etwas passierte, regnete es für gewöhnlich schmerzhafte Stockhiebe von Oberon. Es reichte nun, Pan musste wissen, was dort vor sich ging. Mit einer geschmeidigen Bewegung rollte sie sich schwungvoll unter den prügelnden Angreifern weg und hob den Kopf wie eine lauschende Raubkatze. Was sie sah, ließ ihren Atem stillstehen: Mellmeg hielt Elevi fest Rücken an seinen Rücken gedrückt, hatte seine Arme unter Elevis eingehakt und beugte sich langsam nach vorne. Linu, Musha und Arket, Mellmegs engste Freunde, hielten währenddessen Elevis Beine fest und hebelten ihm so die Wirbel auseinander. Es knackte und knirschte. Pans Freund warf den Kopf hin und her und versuchte sich zu befreien. Erfolglos, jede Faser seines Körpers brannte beim Versuch, sich zu bewegen.

»Lasst ihn sofort los! Ihr brecht ihm noch das Genick!«, platzte Pan besorgt hervor. Sie wollte aufstehen, doch Tut sprang hinter sie und hielt sie im Würgegriff.

»Du kannst ihm nicht helfen, Panpan. Niemand kann sich aus meinem Griff lösen!« Triumphierend verstärkte das rothaarige Mädchen ihre Umklammerung.

»Doch, ich könnte das! Mit Leichtigkeit«, fügte Pan rasend in Gedanken hinzu und richtete ihren Blick wieder auf das unmenschliche Schauspiel vor ihnen. Wie konnte Oberon so etwas zulassen? Er musste eingreifen! Sie schäumte vor Wut.

»Wenn die so weitermachen, werden sie ihn umbringen. Ich kann das nicht zulassen!«, schrien ihre Gedanken so laut, dass es wie ein Echo in ihrem Kopf widerhallte. Fragend wanderte ihr Blick zu Oberon. Seine grauen Augen verrieten jedoch nichts, wie immer. Kaum merkbar schüttelte er den Kopf, ganz langsam bewegten sich seine Haarsträhnen hin und her, sacht wie in einem Windhauch. Enttäuscht ließ Pan ihre Augen zurück zu Elevi gleiten.

»Befrei dich doch! Ich kann nichts tun! Oberon verbietet es!«, rief sie ihm in Gedanken zu. Verzweifelnd beobachtete sie tatenlos, wie ihr Freund vor Schmerzen schreiend um sein Leben strampelte und plötzlich sah sie nicht länger Elevi, sondern ihren Bruder Umbriel vor sich.

»Pan, hilf mir«, flüsterte er mit letzter Kraft, »bitte …« Dann verstummten seine Rufe und Mellmeg spannte grinsend seine Muskeln, um Elevi die Wirbel auszurenken.

Pan war außer sich. Die Geschichte, die Oberon ihr vor dem Frühstück erzählt hatte, saß ihr noch immer in den Knochen. Sie wollte nicht noch einmal einen geliebten Menschen verlieren. Ohne zu denken, stand sie auf und warf die verwirrte Tut dabei um, Pan bemerkte es nicht einmal. So ein Opfer konnte sie nicht bringen. Nicht Elevi!

Ungerührt von den Halbwüchsigen, die sich ihr schwerfällig in den Weg stellen wollten, stürzte sie, diese geschickt umgehend, zu ihrem Freund. Mit ein paar schwungvollen Tritten fegte sie Linu, Musha und Arket von den Füßen und verpasste dem verdutzten Mellmeg einen so kräftigen Kinnhaken, dass dieser rückwärts über den Boden schlitterte. Stöhnend krachte Elevi auf die Matten.

»Elevi, bist du verletzt?« Pan stützte ihrem Partner den Hals und suchte seine Wirbelsäule mit prüfenden Blicken nach schwerwiegenden Verletzungen ab. Elevi schüttelte nur mit verzerrtem Gesicht den Kopf, fluchte und betastete selbst seinen schmerzenden Rücken, aber sonst schien es ihm gut zu gehen.

»Pan … ich wusste nicht, dass du so was kannst. Du hast Mellmeg mit einem Hieb bewusstlos geschlagen!« Vor Schreck über diese nur allzu wahren Worte sog Pan mehr Luft ein, als ihre Lungen fassen konnten und schluckte sogleich ein äußerst übles Gefühl hinunter. Verspielt.

»Das … das wusste ich auch nicht«, stammelte sie, nach einer guten Erklärung für das gerade Geschehene suchend. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was sie für einen Ärger kriegen würde. Mit angsterfülltem Blick spähte sie über ihre Schulter, um zu sehen, was Oberon tat. Dieser stand bereits bedrohlich hinter ihr.

[...]

 

-Ende der Leseprobe-