Leseprobe: Das nördliche Königreich

Kapitel 19- Galgalim

 

Erst jetzt, da sie all diese Prüfungen bestanden hatte, und die geheimnisvolle Aura des Berges der Elemente mit zunehmender Entfernung immer schwächer wurde, bemerkte Pan wie hungrig und erschöpft sie doch war. Seit Tagen hatte sie nichts Vernünftiges mehr gegessen und seit Wochen nicht mehr gut geschlafen. Es wurde Zeit sich in irgendeinem Gasthaus den Bauch vollzuschlagen. Und dieses Mal würde der Wirt auf der Bezahlung sitzen bleiben, ohne dass es so ein großes Spektakel darum gab, so viel stand fest. Pan versuchte ihre diebischen Gedanken damit zu rechtfertigen, dass sie diese Reise doch zum Wohl aller Menschen angetreten hatte, damit Cragorin nicht zurückkehrte. Wen störten im Angesicht dessen schon ein paar unbezahlte Silbermünzen? Die Kaltblütigkeit mit der sie seit einiger Zeit schon über die Menschen nachdachte, erschreckte ein ums andere Mal die junge Kriegerin.

Die Ereignisse im Berg der Elemente hatten ihr die Augen geöffnet. Pan konnte nicht länger leugnen, dass in ihrem Inneren ein Dämon lebte, doch sie konnte weiterhin verdrängen, dass diese Tatsache etwas Furchtbares war… Auf diese Weise waren auch die Gewissensbisse um die vielen Leben, die sie genommen hatte, mit der Zeit weniger schmerzhaft geworden.

»Es lässt sich eben nicht rückgängig machen.« Mit dieser Einstellung versuchte Pan das Blut von ihren Klauen zu wischen, wenigstens ein bisschen. Allerdings hatte der Anblick ihres inneren Dämons sie so verstört, dass Erinnerungen und schlechtes Gewissen nun doch wieder stärker auf ihre Schultern drückten. Selbst der schmale Bergdurchgang schien sie zerquetschen zu wollen. Doch was machte es schon? Menschen begegneten ihr grundsätzlich feindlich. Da gab es niemanden, der fragte, ob sie überhaupt der gesuchte Dämon sei oder nicht. Nein, der vermeintliche Übeltäter wurde stets rücksichtslos und oft auch aus dem Hinterhalt attackiert. Pan lachte in sich hinein, es würde wohl kaum jemand fragen: »Hey, bist du ein Dämon?« Was erwartete sie da? Es waren eben nur Menschen.

Mensch sein … War das etwas Fremdes für sie geworden? Nach dem, was sie in der Kristallgrotte gesehen hatte, war sie sich der Antwort nicht mehr so sicher.

 

Als sie nach ein paar hundert Schritten den Ausgang des Bergpasses erreichte und auf eine riesige, in den Stein gehauene Treppe starrte, die hinab zu einer rauen Felslandschaft führte, überkam Pan ein Gefühl des Erfolgs. Gedankenknäule, in die sie sich tief verstrickt hatte, wurden unter einen Teppich, der sich Verdrängung nannte, gekehrt und achtlos dort liegen gelassen.

Immerhin wusste Pan jetzt, wo sich der Wolf herumtrieb, sie musste ihn nur noch finden. Einen weiteren Schritt gehen, der sie ihrem Ziel näher bringen würde. Näher zu Cragorin und näher zur Erfüllung ihrer Aufgabe. Auf die Zeit danach freute sie sich schon jetzt.

Mit dem Überschreiten der Gebirgskette hatte sie das Königreich Galgalim betreten. Vielleicht hatte man hier noch nicht von dem Sicheldämon gehört. Pan hoffte es.

An die Ausläufer des Oreeagebirges grenzte der riesige Maroniwald, das hatte sie einmal auf einer alten Karte gesehen. Wo genau dort das Regental lag, wusste sie allerdings nicht. Wenigstens brachte Nirobis Information sie trotzdem ein ganzes Stück weiter, es war ein Grund sich zu freuen. Doch zuerst brauchte Pan ein wenig Schlaf, wenigstens so viel, dass ihre Augen aufhören würden, sich immer wieder ungefragt selbst zu schließen. Die Geschehnisse im Berg der Elemente hatten sie ausgelaugt, geistig sowie körperlich.

Im Schein des bleichen Mondlichts konnte Pan erkennen, dass die Landschaft vor ihr bereits abflachte: Es ragten keine turmhohen Felsblöcke mehr aus den grauen Klippen hervor und auch der harte Boden selbst lockerte ein wenig auf. Nur im Nordwesten konnte man die dunklen Schatten von hohen Bergen erkennen, welche sich noch weiter ins Landesinnere fraßen. Doch die rauen Felsen dort wurden bald von grünem Wald überzogen und mit mehr Leben erfüllt, als es nach Pans Schätzungen im gesamten Oreeagebirge gab.

Pan hatte Glück, am unteren Ende der verwitterten Steintreppe, geschützt durch eine der letzten, sich zur linken Seite erhebenden, Felswände, streckte ein verdorrter Samibaum seine Äste empor.

»Nicht perfekt, aber wenigstens etwas«, machte sie sich selber Mut und lief die verwitterte Treppe hinunter. Beim Erklimmen des kleinen Baumes machte Pan freudestrahlend die Feststellung, dass es sich mit zwei Händen doch sehr viel besser klettern ließ als mit nur einer einzigen.

 

Die knarrenden Äste, auf denen sie in einer sitzenden Position mit verschränkten Armen gegen den Stamm lehnte, waren ziemlich unbequem, was Pan allerdings nicht davon abhielt, sofort in einen traumlosen Schlaf zu versinken. Sie hoffte zu vergessen, in was für eine abscheuliche Kreatur sie sich bei Vollmond verwandelte. Der Schlaf würde ihr zumindest bis zum Morgengrauen den Kopf freihalten von schwirrenden Gedanken, die, sollten sie unter dem Teppich hervorkriechen, sie in den Wahnsinn zu treiben drohten. Schuldgefühle, Traurigkeit, Verzweiflung, … Das waren alles Dinge, die sie jetzt nicht weiterbrachten, sie hinderten Pan nur daran, ihren Weg zu gehen, den Weg, den sie gehen musste. Der Weg, der sie zu Andurin führen würde und letztendlich auch zu Cragorin. Sie konnte nicht länger ihrer verlorenen Menschlichkeit hinterhertrauern, die hatte sie sowieso schon fast abgeschrieben. Nur eine leise, innere Stimme in ihr war immer noch wach und schrie jedes Mal entsetzt auf, wenn die junge Frau dabei war, jemanden zu töten, der es anders verdient hatte. Alles in Pan sträubte sich dagegen, das Leben eines Menschen auszulöschen, aber eine andere Stimme, eine kalte, düstere Stimme, tief in ihrem Herzen verborgen, rief ihr ständig zu, was für ein wundervolles Gefühl es doch war, die scharfen Sichelklauen in weiches Fleisch zu versenken.

Die Nacht im Gebirge war kühl und die Balzrufe der ruhelosen Snarks zerrissen die nächtliche Stille. Pan warf im Halbschlaf unruhig den Kopf von einer Seite auf die andere. Auch die noch so kleinen Flügel der fledermausähnlichen Wesen vermochten es in einer Gruppe von mehreren Hunderten zu einem Schlaf raubenden, immer wiederkehrenden Summen anzuschwellen. Wind zog auf und eine Böe durchfuhr den verkümmerten Samibaum. Raschelnd fielen vertrocknete Blätter zu Boden und Pans Atem beschlug zu Dampfwölkchen. Eine eisige Kälte schien den Baum emporzukriechen.

Noch bevor die Schlafende die Augen öffnete, wusste ihr Körper bereits, was ihr Aufwachen verschuldet hatte. Adrenalin mischte sich in ihr Blut und ihre Muskeln spannten sich. Pans Hände begannen zu zittern und schließlich öffnete sie mühsam die müden Augen. Drei leuchtend gelbe Augäpfel starrten ihr entgegen. Mit einem unterdrückten Aufschrei schreckte sie hoch und knallte mit dem Kopf schmerzhaft unter einen Ast über ihr.

»Nicht schon wieder …« Benommen rutschte die noch halb schlafende Kriegerin von ihrem Ast, kam jedoch geschickt mit allen Vieren auf dem Boden auf, rollte sich ab und richtete sich blitzschnell zu voller Größe auf. Wieder einmal blickte sie in ein Meer aus mordlustigen Dämonen.

Zähnefletschend und knurrend bildeten diese einen Kreis um ihre potenzielle Beute.

»Ihr verdammten Viecher, ihr traut euch wohl nicht an mich heran, wenn ich wach bin, hm?« Die Antwort bekam Pan in Form eines Luftangriffes. Das dreiäugige, froschähnliche Wesen hatte sich auf ihre Schultern fallen lassen und begann jetzt seine winzigen Krallen in ihren Nacken zu schlagen. Die restlichen Kriechtiere starteten daraufhin eine Schnappattacke auf Pans Beine und Füße. Diese tänzelte, den scharfen Klauen und Zähnen ausweichend, hin und her und versuchte fluchend das Froschwesen aus ihrem Fleisch zu ziehen. Ein zweiköpfiger, echsenähnlicher Dämon sprang der jungen Frau fauchend an den Hals und riss sie mit sich zu Boden. Der Froschdämon, welcher von Pans Gewicht zerquetscht wurde, platzte mit einem schmatzenden Geräusch auseinander und bespritzte ihren Rücken mit gelbem, übel riechendem Schleim.

Mit einer Hand die geifernden Kiefern der Riesenechse von sich abhaltend, befreite sie hin und her ringend ihre Brust vom Gewicht des Dämons und grub ihre linke Klaue tief in dessen Magen. Die Echse jaulte kreischend auf, als Pan ihr die schwarzen Eingeweide aus dem Innern fischte, und rollte sich, laut kreischend, von ihr herunter. Erleichtert atmete die junge Frau auf, das Gewicht, das ihre Lungen eingequetscht hatte, war fort. Jetzt, endlich richtig wach, war sie in der richtigen Stimmung, um ein paar Aschewesen zurück in die Unterwelt zu schicken. Sie stemmte sich hoch, landete mit einem eleganten Sprung auf den Füßen, sah auf und machte sich bereit für den nächsten Gegner, doch da war niemand mehr.

Stets verschwanden die Dämonen, sobald Pan ihnen ihre eigenen dämonischen Klauen zeigte. Seufzend ließ sie die silbrigen Krallenhände verschwinden und strich sich eine ihrer braunen Haarsträhnen hinters Ohr.

Nur wenige Nächte gab es, in denen kein Angriff auf sie stattfand, und wenn Cragorins übrig gebliebene Bastarde Pan erst einmal attackiert und aus dem Schlaf gerissen hatten, verschwanden sie stets lautlos mit dem Wind.

»Verdammte, feige Drecksbrut!«, schrie sie wütend über diese nervige Angewohnheit der Dämonen und spuckte angewidert auf den toten Echsenkörper, welcher bereits begonnen hatte zu verwesen. Eine Sekunde später verflog Pans Zorn und von dunklen Gedanken getrieben, hockte sie sich vor den Kadaver. Ihre Klauen verscheuchten die Dämonen, alle waren gegangen, alle bis auf einer. Ein Dämon war noch da: Sie selbst. Ihr sank der Kopf auf die Brust. Gedankenverloren zerbröselte sie einen harten Erdklumpen über dem, nun nur noch aus zerfressenem Fleisch und zerbrochenen Knochen bestehenden, Leichnam des besiegten Dämons. Sollte dies ihr Schicksal sein? Würde sie auch innerhalb von Sekunden verrotten und ihr Staub mit dem Wind verstreut werden? Wie gern hätte sie in diesem Moment eine Hand auf ihrer Schulter gespürt und eine Stimme, die sagte:

»Alles nicht so schlimm. Du träumst nur, morgen wachst du in deinem weichen Bett auf, siehst deinen Bruder, deine Mutter, deinen Vater, die dich anlächeln und ihr alle seid glücklich.« Aber nein, so einfach konnte es nie sein. Pans Faust landete im Staub des Dämons und zertrümmerte den letzten Knochen, der sich nach Vergebung bettelnd aus dem modrigen Fleisch gehoben hatte. Abwesend folgten ihre Augen dem kühlen Nachtwind, welcher seine Asche verstreute.

Die Dämonen, die ihr Nacht für Nacht nachstellten, hatten so gar nichts gemein mit jenem, dem sie im Berg der Elemente begegnet war. Sie schienen nur ein Schatten ihrer selbst zu sein, waren nicht einmal in der Lage ihre Sprache zu sprechen, grunzten nur und krakeelten herum. Zwar war ihr groteskes Auftreten erschreckend, doch längst nicht so sehr, wie es das ihres eigenen inneren Dämons gewesen war. Pan war sich sicher, es musste da gewisse Unterschiede zwischen diesen niederen Kreaturen und deren Schöpfer Cragorin geben. Der Große Dämon ließe sich wohl kaum so schnell zu Brei zerquetschen, wie diese missgestaltete Brut es tat. Vielleicht aber lag es auch am Alter. Pan hatte oft darüber spekuliert. Laut Tao-Lings Erklärung war jeder dieser Dämonen einmal ein Mensch gewesen, der damals eine Verfluchte Frucht gegessen hatte. Mit Cragorins Bannung aber waren sie größtenteils verschwunden. Vielleicht hatten sie sich bloß jahrelang versteckt, so lang bis das letzte bisschen Menschenverstand aus ihnen verschwunden war, und sie zu diesen hässlichen Kreaturen geformt hatte. Hunderte Male hatte Pan darüber nachgesonnen, mit Schrecken über ihre eigene Zukunft nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass sie es nicht zu einer Wiederauferstehung Cragorins kommen lassen durfte.

Es mochte alles noch so trostlos und herzbeschwerend sein, nichtsdestotrotz hatte Pan es geschafft, wenigstens ein bisschen zu schlafen, und wenn sie jetzt auch noch einen Bissen zu essen auftreiben würde, könnte sie ihre Kraftreserven wieder auffüllen, dessen war sie sich sicher.

In der Hoffnung, dass sie noch vor Beginn des neuen Tages auf das Ende der Gebirgslandschaft stoßen würde, brach sie spontan auf. Die Nacht war noch dunkel, selbst im Osten erhellte noch kein Sonnenstrahl den Himmel. Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und ließen nur manchmal einen Lichtschein auf die öde Felslandschaft hinuntergleiten. Ein Blick zu den nur selten aufblitzenden Sternen verriet Pan, wie lange sie geschlafen hatte, nicht viel länger als drei Stunden. Das war nicht gerade viel und schon gar nicht ausreichend, aber schlafen konnte sie nun eh nicht mehr, nicht nach diesem Überraschungsangriff, der ihr immer wieder von Neuem einen Schock in die Knochen setzte.

 

Pan wanderte die ganze Nacht hindurch, bis sie am frühen Morgen mit den ersten, schwachen Sonnenstrahlen die Umrisse einer Stadt erahnen konnte. Im Schatten des Oreea lag, zwischen zahlreichen bestellten Äckern und Gemüsefeldern, die berühmte Handelsstadt Sehmutshort. Sie zählte zu den neun großen Städten des Königreichs Galgalim, welches die junge Frau soeben offiziell betreten hatte. Ein goldener Hase auf schwarzem Grund zierte das Stadtwappen. Die Fahnen, die dieses zeigten und überall von den Mauern wehten, konnte man kaum übersehen. Unmittelbar hinter den nördlichen Stadttoren begann auch hier das weite Grün des Maroniwaldes.

Viele Händler und Reisende, welche diesen Wald durchqueren wollten, stockten in Semutshort ihre Vorräte auf und bereiteten sich auf die Reise durch das riesige, unbesiedelte Gebiet vor. Die Stadt der handelnden Hasen, wie man sie auch nannte, wurde demnach gut besucht und das bedeutete für Pan größte Vorsicht. Immerhin durfte niemand sie als Dämon erkennen, sonst, da war sie sich absolut sicher, würde sie eine ganze Stadt hinter sich herjagen sehen.

 

Auf dem, von hellem Kopfsteinpflaster überzogenen, Markt im Herzen der Handelsstadt, tummelten sich trotz der frühen Morgenstunden bereits viele tätige Händler. Einige Stände mit Obst, Gemüse und exotischem Seidentuch waren schon zwischen den quadratischen Häusern aufgebaut. In der Sonne strahlend hoben sich die roten Ziegeldächer von dem grauen Stein ab, aus denen die meist zweistöckigen Bauten errichtet worden waren. Die Straßen waren ebenfalls mit Steinen gepflastert und einige besonders breite Wege hatten sogar Namen und ein Schild dazu. Pan sah die Fleischergasse, den Brunnenweg, den Ratsbogen und viele mehr. Im Süden von Naruel war so eine Beschriftung und die Aufmachung der imposanten Gebäude ein wahrhaft seltener Anblick. Dort waren Häuser meist aus Holz oder Lehm gebaut und die Dächer mit Stroh oder Schiefer überzogen, Straßen bestanden in den meisten Fällen aus festgestampfter Erde.

Einzig und allein die Schmieden oder Rathäuser machten ab und zu eine Ausnahme mit einem Ziegeldach oder gar Glasfenstern. Hier in Galgalim schien dieses teure Material jedoch sehr geläufig zu sein. Nahezu alle Bauten wirkten robust und stabil wie eine Festung. Die Schmieden und Glasereien im Osten der Stadt stießen auch jetzt schon reichlich Rauch aus ihren Schmelzöfen. Dieses Königreich schien so viel fortschrittlicher als Pans Heimatland, hier gab es sogar steinerne Stadtmauern und Soldaten passten auf, dass alles dem Recht nach ging. Trotzdem stellte die junge Frau fest, dass mancher feine Bürger von Semutshort genauso unachtsam war, wie auch die Händler im Süden.

Gemütlich schlenderte Pan von einem Stand zum anderen und ließ hier und da etwas Leckeres in den langen Ärmeln ihres, ebenfalls gerade gestohlenen, Umhangs verschwinden. Die Leute waren so damit beschäftigt, ihre Waren auszulegen und anderen als die besten anzupreisen, dass sie die Person mit der hinuntergezogenen Kapuze und deren rasche Handbewegungen gar nicht richtig wahrnahmen. Die ausgehungerte Pan machte sich diese Unachtsamkeit zum Geschenk.

Vorsichtig schritt die Fremde umher und beäugte in aller Ruhe die unter Stress stehenden Händler, welche sich mit jeder Sekunde, in der die Sonne stieg, mehr beeilten ihre Stände fertig aufzubauen und so gut es ging, an ihren importierten Waren zu verdienen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sich auch Pan ein paar Goldmünzen in ihre Tasche. Denn das Angebot war ziemlich verlockend: Ein silberner Krummdolch stach ihr direkt ins Auge und die, auf dem gegenüberliegenden Stand platzierten, ledernen Armschienen hätte sie gut gebrauchen können. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich vorstellte, sie hätte ein paar von Selsbas Rubinen gestohlen und würde sich jetzt alles kaufen, was ihr Herz begehrte. Doch für so eine Träumerei blieb keine Zeit, Pan hatte ihre silbernen Sichelklauen und das war alles, was sie brauchte.

Entschieden nahm sie den Blick von einem vor Anstrengung schnaufenden Mann und stellte fest, dass sie selbst beobachtet wurde. Ein kleines Mädchen stand vor ihr und spähte mit großen, runden Augen unter Pans Kapuzenschlitz. In der einen Hand trug es eine Holzfigur, die andere hielt es sich schützend gegen die Morgensonne, um genauer die seltsamen Augen der Unbekannten zu erkennen.

»Bist du auch ein Mensch?«, fragte das kleine, blonde Ding unschuldig und strahlte sie lieb an. Pan erschrak über die plötzliche Störung ihrer Gedanken, nickte aber schnell und schritt dann hastig aus der engen Gasse, von welcher sie das Treiben aus beobachtet hatte.

Je höher die Sonne stieg, desto voller wurde es auf dem Platz in der Stadtmitte. Von überall her schienen Menschen zu kommen, um sich zu bereichern oder sich an den Darbietungen der Barden und Narren zu belustigen. Eselskarren versperrten Wege und Menschenansammlungen verstopften die Stände. Adrett gekleidete Damen zogen mit ebenso herausgeputzten Freundinnen von einem Schmuckstand zum nächsten, in rosarote Träume versunken, wann der Angebetete endlich einen goldenen Ring zücken würde. Im Hintergrund stolperten rotwangige Burschen aus den Gassen und suchten ihren Weg nach Hause, manche waren noch so betrunken, dass sie es kaum schafften, ihr Hemd wieder richtig zuzuknöpfen. Ziegen und Hühner wurden in kleinen Herden durch die Gegend getrieben. Der Lärm der kreischenden Kinder, welche um den Schatten der riesigen Sonnenuhr tanzten und das Schlagen der hämmernden Hufschmiede überdeckte das Geschwätz der allgemeinen Menge.

Mit der Zeit wurde es Pan zu eng. Nachdem sie einen raschen Blick auf eine riesige, kunstvoll auf eine Hauswand gezeichnete und illustrierte Landkarte geworfen hatte, eilte sie durch die Menschenmasse hindurch in Richtung des Westtores, um sich auf den Weg zu machen. Hier zwischen all den vielen Menschen wollte sie nicht länger bleiben. So viel Treiben und Leben war ihr fremd geworden, die Einsamkeit schien zu einem Teil von ihr selbst geworden zu sein. Doch da gab es etwas, was ihre Aufmerksamkeit erregte: Ein paar Schritte von ihr entfernt, drängten sich einige Männer heiß diskutierend um einen Holzpfosten, an welchen ein paar Papierblätter genagelt worden waren. Interessiert trat auch Pan näher. Was konnte denn so spannend sein, dass die fein gekleideten Herren derartig laut und aufgeregt redeten? Der Trubel um sie herum wurde immer größer, sie zog die Kapuze noch tiefer ins Gesicht und lauschte gespannt. Einige Gesprächsfetzen fanden den Weg zu ihren Ohren:

»… auf zweihundert Goldstücke erhöht? Bist du sicher?«, flüsterte eine raue Männerstimme links von ihr.

»Ja, hier steht es doch: Zweihundert Goldstücke für den Mann, der König Tharas den Kopf des Dämons bringt.« Pans Ohren zuckten bei dem Wort Dämon. War sie gemeint? Sie riskierte einen kurzen Blick, indem sie rasch den Kopf hob. Einer der Männer deutete noch immer auf eines der Papierstücke und dieses eine zeigte eine ziemlich genaue Zeichnung von ihrem eigenen Gesicht.

»Ich verstehe nicht so ganz, warum der König so viel Gold für den Dämon geben will. Ich meine, ist er denn so viel schlimmer als die anderen? Wir alle haben doch schon mal einen gesehen. Sie sind tierähnlich und stinken, na und?«, äußerte sich ein kleiner, dicker Herr, welcher nach Pans Einschätzung wohl viel Wert auf die Auswahl seiner feinen Stoffkleider legte. Vermutlich gehörte er zum Stadtadel.

»Aber dieser ist doch etwas ganz anderes, mein Herr! Schaut ihn doch an! Ein Dämon, der seine Gestalt ändern kann. Ja überlegt doch mal, natürlich is’ der gefährlicher«, gab sein robust gebauter Gesprächspartner von sich und hob warnend den Zeigefinger. »Er erscheint Euch in Gestalt einer jungen Frau. Ihr denkt nichts Böses, ladet sie in eine Schenke ein. Und wenn Ihr ein bisschen Spaß mit ihr haben wollt und ihr allein seid, dann verwandelt sie sich plötzlich und der Dämon reißt Euch in Stücke!« Wieder tippte der Mann auf Pans Gesicht und die anderen Zuhörer bekamen große Augen. »Hier in unserem Königreich soll er zwar noch nichts angestellt haben, aber weiter im Süden soll er ganze Dörfer vernichtet haben. Er soll alle Bewohner auf bestialische Weise getötet haben. Man sagt, er hat ihnen die Haut abgezogen und Körperteile abgerissen, während sie noch lebt-« Ein Hornstoß dröhnte über den Markt und ließ den redseligen Mann verstummen.

»Vergesst den Dämon! Es geht los! Los, jetzt hängen sie das Miststück!« Die kleine Männergruppe drängte in Richtung eines hölzernen Podests, welches mitten auf dem Platz errichtet worden war. Fast alle der regen Leute strömten nun dorthin und um Pan wurde es langsam leerer. Sie blickte sich kurz nach neugierigen Augen um und riss dann den Steckbrief von der Wand.

»Zweihundert Goldstücke … Beim letzten Mal waren es noch fünfzig weniger, sollte ich mich doch tatsächlich geschmeichelt fühlen?« Ihre Überlegungen wurden von den Worten eines grobschlächtigen Mannes übertönt, welcher auf dem hölzernen Schafott neben einem Galgen stand und mit lauter Stimme etwas von einem auseinandergerollten Schriftstück ablas. Aufgrund des Lärms, den die schnatternde Menschenmasse verursachte, bekam Pan allerdings nur die Hälfte der Anklage mit:

»… wegen schweren Raubes und Verdächtigung eines Dämons Freund zu sein, soll Euer Schicksal, nun auch der Galgen sein …« Pan zerknüllte den Steckbrief, ließ ihn auf den Boden fallen und näherte sich nun auch neugierig dem Podium. Sie hatte bisher noch keiner Hinrichtung beigewohnt, doch empfand es als wichtig, deren Abläufe zu kennen, sollte auch sie eines Tages einmal an der Stelle des Verurteilten stehen.

»Welchen armen Vogel haben sie wohl dieses Mal erwischt? Wer ist so dumm gewesen, sich ertappen zu lassen?«, überlegte sie belustigt und versuchte sich durch die Menschenmasse so weit nach vorne durchzuarbeiten, dass sie etwas mehr erkennen konnte. Im Moment starrten alle Anwesenden zum Galgen oder zum Scharfrichter, Pan selbst würde keinerlei Aufmerksamkeit erregen. Ein paar ältere Leute beschwerten sich zwar darüber, dass sie sich so rüpelhaft einen Weg nach vorn bohrte, doch sie konnte sich nicht helfen, etwas an dieser Hinrichtung hatte sie neugierig gemacht. Ein stabiler Mann, mit schwarzer Stoffmaske über dem Kopf, legte einer jungen Frau, welche sich verzweifelt gegen die zwei weiteren Maskierten wehrte, die sie festhielten, gerade eine Schlinge um den Hals.

Pan musste zweimal hinschauen, um diese roten Locken wiederzuerkennen. Und diese höhnisch glitzernden Augen gab es auch nur einmal, nur glitzerten sie jetzt vor Tränen, nicht vor Hochmut. Es war doch tatsächlich das Rotband Tut, das zitternd auf einer Holzkiste stand und nun hingerichtet werden sollte. Einer der maskierten Wachmänner zog den Strick jetzt fest um den schlanken Hals des Mädchens, welches daraufhin einen lauten Schluchzer von sich gab und ihr rot geweintes Gesicht mit einem weiteren Schwall Tränen überflutete. Ein Lächeln huschte über Pans Gesicht.

»So sieht man sich wieder«, knirschte sie so leise, dass niemand es hören konnte, und stellte sich bequemer hin, so als plante sie, noch lange zuzuschauen.

So viele Nächte lang hatte sie gewünscht, Tut und ihren ewigen Schatten Mellmeg tot zu sehen, besonders als sie noch ein Kind gewesen war und sich nicht gegen deren Gemeinheiten hatte wehren können. Damals hatte sie immer Schutz und Trost bei Elevi und Oberon gefunden. Aber Elevi war zu einem Verräter geworden und Oberon tot.  Nun sollte Tut das gleiche Schicksal ereilen, wie auch ihren alten Meister und ihren Freund Mellmeg.

Pan trat näher an das Schafott heran, um das Licht in den Augen der alten Bekannten erlöschen zu sehen, wenn es so weit sein würde, wenn Tuts Verblendung zusammen mit ihrer maßlosen Überheblichkeit aus dieser Welt scheiden würden. Der Menschenauflauf um Pan herum schien plötzlich wie fortgewischt: eine grau-braune Masse, die sich wie Wasser in einem Eimer bewegte und grölend um sie herum stand. Für die junge Kriegerin existierten der Mob nicht mehr, sie hörte nur noch Tuts Schluchzen, sah nur noch ihr verzweifeltes Gesicht, die Angst in ihren Augen und den Strick um ihren Hals.

»Sie ist kein Dämon! Sie ist kein Dämon! Ich kenne sie nicht mal richtig! Hört mich doch an! Sie ist kein Dämon!«, kreischte das rothaarige Mädchen verzweifelt, während sie versuchte die strammen Fesseln zu lösen, welche ihre Hände hinter ihrem Rücken fixierten. Schadenfreude machte sich in Pan breit, als sie in Gedanken zusammenfügte, was sich zugetragen haben musste. Möglicherweise hatte Tut ihren Steckbrief gesehen und laut herumposaunt, dass sie den Dämon persönlich kannte. Dümmer hätte sie sich wohl kaum anstellen können. Jetzt wollte der Pöbel von Semutshort sie dafür töten, dass sie Pan kannte. Besser konnte das Schicksal ihr nicht zurückzahlen, was sie durch dieses eingebildete Gör all die Jahre hatte ertragen müssen. Das Seil wurde am Galgen gestrafft. Tut sah sich verzweifelt um, erneut liefen ihr Todestränen über die Wangen.

»Bitte, bitte, so hilf mir doch jemand«, stammelte sie und blickte in die freudig grölende Menschenmasse. Nur drei oder vier Schritte und ein Hieb mit den Klauen hätten gereicht, um Tut vor diesem Schicksal zu erretten, aber Pan wollte sie gar nicht retten, zu kalt war der Schleier, der sich um ihr Herz spannte und zu grausam der Hass, den sie auf ihre Feindin hegte. Auch wenn sie zu gern erfahren hätte, wie Tut es bis hierhin geschafft hatte, lag ihr doch mehr an dessen Tod als an einer Antwort. Grinsend stellte Pan sich in die Blickrichtung der Verurteilten.

»Im Namen von König Tharas! Und auf Geheiß von Bürgermeister Blarius von Raustein!« Der Urteilsverkünder rollte das Schriftstück auf und nickte dem Scharfrichter zu, dieser trat grob gegen die Holzkiste unter Tuts zitternden Füßen und das Mädchen fiel. Die Menge brach in ein lautes Jubeln aus. Das Galgenseil spannte sich und Tut baumelte mit zappelnden Beinen frei in der Luft.

»Leichtgewicht«, zischte Pan verächtlich, als erst sie und dann auch der Mob bemerkte, dass das Genick der Verurteilten beim Sturz nicht gebrochen war. Umso besser, fand Pan, denn so hatte Tuts Ableben etwas Qualvolles und sie selbst noch einmal die Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden.

Wild mit den Füßen strampelnd versuchte sich das Rotband verzweifelt zu befreien, aber egal wie sehr sie auch zappelte, sie schaffte es nicht, sich aus der Schlinge zu winden. Im Gegenteil, mit jeder Bewegung zog sich der Knoten fester zu und ihre Augen begannen hervorzutreten. Pan wartete bis Tuts Zuckungen erstarrt waren und ihr die Zunge aus dem zerschundenen Hals hing. Ihre vor Angst und Grauen weit aufgerissenen Augen streiften die Gesichter der jubelnden Menge. Schließlich traf das Mädchen mit ihrem Blick den Pans, welche ihre Kapuze just in diesem Moment vom Kopf streifte und die Gehängte fest ansah. Tuts Züge erstarrten, als sie die gealterte Pan in der Menge erkannte. Sie bewegte die Lippen, aber das Einzige, was man hören konnte, blieb ein heiseres Gurgeln und ein verzerrtes »Hilf mir«. Inzwischen grinste Pan nicht mehr, sie hob die Augenbrauen und ließ die Mundwinkel hängen, ganz so als wollte sie fragen:

»Hast du mir denn irgendwann geholfen?« Währenddessen quollen aus Tuts Mund Blasen aus Blut, sie formte mit ihren Lippen stumm das Wort »Bitte« und sah dabei furchtbar verzweifelt aus.

»Jedem das, was er verdient.« Pan lächelte mild, streifte die Kapuze wieder über, drehte sich um und ging. Im selben Augenblick fiel der Kopf der Gehängten zur Seite und die Menge brach in lautes Freuden- und Spottgebrüll aus.

 

»Sie hat doch wohl nicht im Ernst geglaubt, dass ich ihr helfen würde? Mein ganzes Leben lang hat Tut mich nur verhöhnt und verspottet. Und da soll ich ihr jetzt auf einmal helfen? Hoffentlich schmort sie zusammen mit Mellmeg in der finstersten Hölle!« Pan wühlte sich aufgebracht durch die Menge und verließ mit raschen Schritten den Marktplatz. Tut hingegen konnte sich nicht rühren, ihre Augen starrten leer der vermummten Person nach. In diesem Moment starb ihre letzte Hoffnung, genau wie sie selbst.

Es war, jetzt wo die meisten Leute zu der öffentlichen Hinrichtung geströmt waren, vergleichsweise leer auf den Straßen von Sehmutshort. Pan war froh, dass ihre leichtsinnige Enttarnung nicht von jemandem bemerkt worden war, außer natürlich von Tut selbst. Sie hatte es sich einfach nicht verkneifen können, ihre verhasste Bekanntschaft im Moment ihres Todes endlich auch einmal zu demütigen. Und das war ihr gelungen. Pan hatte ihre Hoffnung gestohlen, ganz so wie Tut es jahrelang mit der ihren getan hatte.

Nicht weit vom nördlichen Stadttor entfernt, gab es eine Handelsroute, die durch den Maroniwald bis zur Hauptstadt des Königreiches führte. Die Karte auf der Wand des kleinen Fachwerkhäuschens hatte es genau gezeigt: Der Maroniwald bildete einen riesigen Forst und im Regental, einem kleinen, dunklen Abschnitt im Nordosten, sollte Andurin auf sie warten. Es kribbelte ihr bei den Gedanken schon in den Fingern. So lange hatte sie auf diese Begegnung hingearbeitet. Würde ein stolzer Wolf sie erwarten? Mit weißem Fell? Ein Gott?

Pan überlegte, was sie noch für den weiteren Weg brauchen würde. Der Wald sollte unglaublich groß sein, viel größer als der Dschungel am Rande des Tuman es war und hier kannte sie sich nicht im Geringsten aus.

»Mal überlegen, ich hab etwas zu essen, einen Umhang zum Schlafen, und meine Klauen zum Kämpfen, mehr brauch ich nicht«, entschied sie knapp und eilte zielstrebig das Kopfsteinpflaster entlang. Auf dem Weg zum Stadttor kamen ihr eine ganze Reihe schwarz uniformierter Soldaten entgegen, die sie misstrauisch beäugten, die junge Frau jedoch in Ruhe ließen. Pan war so in ihre Überlegungen wegen Andurin und ihrer Verpflegung vertieft, gleichzeitig noch damit beschäftigt, einen harmlosen Eindruck zu machen und den Soldaten prüfend hinterherzusehen, dass sie gegen den Karren eines schlecht gelaunten Mannes rempelte.

»Hey, pass doch auf, wo du langgehst, Waschweib!«, brüllte dieser mit rauer Stimme und stieß Pan unsanft zur Seite. Deren Hand schnellte augenblicklich zu ihrer Kapuze, denn diese durfte ihr unter keinen Umständen vom Kopf gleiten. Unglücklicherweise war ihre Zunge noch etwas schneller als ihr Verstand.

»Waschweib!? Pass besser auf, was du sagst, Karottenkinn!« Ihr Ausruf bezog sich auf das seltsam geformte Kinn des Mannes, welches zum Verwechseln ähnlich einer dunkel gewordenen Karotte glich. Im selben Moment presste sich Pan schon beide Hände vor dem Mund und hätte sich am liebsten für ihre Gedankenlosigkeit geschlagen. Die kleine Beleidigung reichte aber schon vollkommen aus, um den groben Mann bis aufs äußerste zu reizen. Die Farbe seines Gesichtes wurde röter und röter, an seiner Schläfe begann eine Ader wild zu pulsieren.

»Was bildest du dir ein, Weib?!« Seine fleischige Hand holte aus, um Pan zu ohrfeigen, doch diese wich dem Schlag schnell aus. Jedoch bekam der Angreifer den Saum ihrer Kapuze zu fassen und riss diese vom Rest des Stoffes.

»Verdammt«, fluchte Pan leise und versuchte sich hinter ihrer rechten Hand zu verstecken. Aber zu spät, es wurde unbehaglich still um die Demaskierte.

Jetzt musste es schnell gehen, sie musste reagieren, ehe es einer der Umstehenden tat. Pan riss sich den Umhang vom Körper und spurtete los. Der Mann, den sie angerempelt hatte, stand wie versteinert auf der Straße, zeigte mit einem zitternden Finger auf sie und starrte ihr nach.

»Hey! Der Dämon! Hierher! Der Dämon ist hier!« Sofort drehten sich sämtliche Soldaten und Städter zu ihm um und folgten mit den Blicken seinem ausgestreckten Zeigefinger.

»Verdammt! Warum musstest du ihn auch beleidigen, Pan? Warum? Hättest ihn einfach in Ruhe lassen sollen! Du bist selbst schuld!« Sie lief so schnell sie konnte. Aus der Erfahrung wusste sie, wie lang die Leute brauchten, bis sie die Situation verstanden hatten und auch losrennen würden. Und das dauerte meistens nur einige Sekunden.

»So ein Mist! Ich hätte gleich verschwinden sollen«, knirschte Pan abermals zwischen den Zähnen hervor, sie konnte sich gar nicht oft genug selbst tadeln. Hinter ihr ertönte eine Glocke und panische Schreie. Jetzt war die Information scheinbar zu allen, die es wissen sollten, durchgedrungen und bis zum Waldrand waren es noch viele, viele Laufschritte. Außerdem trennte sie noch immer die Stadtmauer vom schützenden Grün. Wo sollte sie hin? Darauf zu hoffen, in der Menschenmasse untertauchen zu können, erschien Pan wie Selbstmord. Zu viele Hände wären da, die sie festhalten könnten. Die Stadttore konnte sie nach dem unüberhörbaren Alarmsignal auch vergessen, die wurden womöglich gerade verriegelt. Und würde sie sich in irgendeiner dunklen Ecke verstecken, säße sie bald wie ein Tier in der Falle. Nein, die Stadtmauer zu überwinden, solange die Soldaten sich noch nicht formiert hatten, erschien ihr die beste Taktik.

Pan hörte, wie man hinter ihr Bogen spannte und mit einem surrenden Ton, Pfeile auf sie abgeschossen wurden. Schnell bog sie in eine enge Seitengasse ein, um so dem tödlichen Hagel zu entgehen.

»Lauf!«, pochte es durch ihren Kopf und sie gehorchte diesem Befehl nur allzu gern. Die Luft in ihrer Lunge schmerzte und der Schweiß drückte sich durch ihre Poren. Pan rannte, wie sie noch nie gerannt war. Sie wusste zwar nicht, ob es die richtige Richtung war, aber irgendwo musste diese Stadt schließlich enden und vielleicht würde sie es sogar schaffen, ihre Verfolger in den labyrinthartigen Gassen abzuschütteln. Hinter ihr hörte sie lauter werdendes Hufgetrappel.

»Pferde!? Verdammt, die sind zu schnell! Aber in die engen Gassen kommen sie nicht!« Pan bog in die nächste Straßenecke ein, rechts, noch mal rechts und dann links. Bei der nächsten Abzweigung erwartete sie zwischen zwei Häuserreihen eine Sackgasse, doch hinter der dunklen Mauer vor ihr, musste zweifelsohne die Freiheit liegen. Dummerweise war die Steinwand höher, als Pan gedacht hatte. Sie fluchte leise und drehte sich um. Die ganze Stadt schien hinter ihr her zu sein, die wütenden Schreie waren bis hier in diesen zwielichtigen Durchgang zu hören. Eine runzlige Greisin stierte finster auf Pan herunter, bevor sie mir mürrisch verzogenem Mund die Läden ihres kleinen Fensters zuschmetterte. Die junge Frau nahm es kaum wahr, denn die ersten Verfolger sammelten sich bereits am anderen Ende der Seitenstraße und liefen, als sie Pan vor der Mauer entdeckten, wie besessen auf diese zu.

»Was für ein nettes Städtchen! Hier laufen die Bewohner nicht schreiend vor mir weg, sondern grölend auf mich zu!«

Unsicher sah sie die Mauer empor. Mindestens drei Mannslängen maß sie in der Höhe. Pan blieb keine andere Wahl, es zählte jede Sekunde. Sie holte ihre Sichelklauen hervor und sprang so hoch sie konnte an der steinernen Wand empor. Mit etwas Schwung und Glück traf sie die mit Lehm ausgefüllten Stellen zwischen den Steinen und versenkte ihre Klauen hinein. So die Mauer zu erklimmen dauerte nicht einmal zehn Sekunden, aber die Soldaten der Stadtwachen waren schnell. Als Pan den letzten Schlag tat und sich keuchend die Mauer hochzog, streifte ein Pfeil ihren Arm. Die wutentbrannten Wachmänner spannten die Bogen und schickten ihr noch Dutzende nach. Aber zu spät, ihr Ziel sprang von der Mauer, rollte sich auf dem weichen Grasboden ab und lief weiter so schnell es konnte in Richtung Waldrand.

Wütende Rufe von hinter der steinernen Barriere drangen an Pans Ohren. Es dauerte nicht lange, dann hörte sie schon die ersten Pferde durch das Nordtor traben.

»Den packen wir uns!«, schien sie aus den lauten Rufen herauszuhören und sie beschleunigte noch einmal ihre Schritte. Der Waldrand war nicht mehr weit entfernt, dort würde sie im Halbschatten der vielen Pflanzen Schutz finden. Die Bäume kamen näher und näher, Pan stolperte durch Gestrüpp und Unterholz. Sie drehte sich kurz um, hörte aber nicht auf zu laufen. Die ersten Bäume hatte sie bereits hinter sich gelassen, jetzt folgte eine Hatz durch hohes Gras und lange Farne. Die Soldaten, die durch ihre langbeinigen Reittiere einen entscheidenden Vorteil hatten, holten schnell auf. Pan rannte weiter, ihre Lungen brannten und ihr Mund fühlte sich ausgetrocknet an, Schweiß rann ihr den Körper hinunter und ihr Herz pumpte so kräftig, als würde es gleich platzen. Von Neugier, aber auch von Besorgnis erfasst, drehte sich die Gejagte abermals um: Etwa ein Dutzend Reiter verfolgten sie mit gezückten Lanzen und gespannten Bogen.

»Mist! Was habe ich bloß verbrochen, dass die so schlecht auf mich zu sprechen sind?«, fragte sie sich, während sie so schnell Luft in ihre Lungen saugte, als fürchtete sie, in ihrer Anstrengung zu ertrinken.

»Ganz einfach, du hast Dörfer zerstört und Menschen getötet und die Sachen, die du trägst, sind gestohlen. Auf deinen Kopf ist eine Menge Gold ausgesetzt«, antworteten ihre eigenen bissigen Gedanken. »Ach ja und du hast Karottenkinn beleidigt«, fügten diese noch hinzu. Pan kniff vor Schmerz die Augen zusammen, sie hatte keine Kraft mehr für ein Wortduell in ihrem Kopf. Zwar konnte sie über einen gewissen Zeitraum spurten wie ein flüchtender Hase, aber nicht derart weite Strecken.

Die ersten Pferde brachen durch das Gestrüpp und trugen ihre Reiter durch das hohe Gras. In wenigen Sekunden würden die schwarz uniformierten Männer der Stadtwache Pan eingeholt haben. Ihre Laufgeschwindigkeit zu erhöhen kam nicht infrage, schon jetzt stolperte sie fast über ihre eigenen, müden Füße. Zu ihren Gunsten jedoch hingen die Äste der umstehenden Bäume ziemlich weit hinunter und verdeckten die Sicht auf sie zumindest zu Teilen.

Nichtsdestotrotz wurden ihre Beine mit jedem Schritt schwerer. Die Muskeln erlahmten und ihre Lungen schienen ihre Funktion aufgegeben zu haben. Die Reiter aber trieben ihre Pferde unbarmherzig immer weiter voran. Pan gab dem stechenden Schmerz nahe bei ihrem Herzen nach und wurde langsamer. Längst schmeckte sie Blut auf ihrer Zunge. Von donnernden Hufschlägen begleitet, schlossen ihre Verfolger weiter auf und bald waren sie in Schussweite.

»Das war’s, ich kann keinen Schritt mehr gehen.« Keuchend blieb sie stehen. Das Gras um sie herum wuchs inzwischen so hoch, dass es ihr bis zum Bauch reichte und ein Weiterkommen zu Fuß fast unmöglich machte. In diesem Moment kam Pan die rettende Idee. Sie rollte sich seitwärts in die langen Farne und kroch mit der letzten Kraft in ihren Armen auf dem Bauch weiter. Augenblicklich zügelten die Soldaten ihre Pferde.

»Wo ist er?«, hörte man jemanden rufen.

»Im Gras, er muss sich irgendwo im Gras verstecken! Sucht ihn! Ich hab ihn eben noch gesehen! Da irgendwo, in dieser Richtung! Ich will seinen Kopf«, brüllte ein weiterer. Währenddessen robbte Pan, so schnell es ihr ausgelaugter Körper zuließ und so unauffällig wie möglich, über den trockenen Boden. Sie durfte sich nicht durch wackelnde Grasbüschel verraten und das ging nur, wenn Wind aufkam und so die Bewegung der Halme nicht weiter auffiel, doch erstarrte unglücklicherweise in diesem Moment die Luft. Pan machte sich so flach wie möglich und drückte sich nah an den Boden.

Sie wusste nicht, ob sie schon weit genug von den Soldaten entfernt war. Ihre Lunge schmerzte als würde sie brennen und sie bemühte sich vergeblich, ihren Atem ruhig zu halten. Vor Pans Augen drehten sich die Grashalme und Käfer. So plötzlich losgerannt zu sein, war nicht gut gewesen, sie stand kurz vor einem Kreislaufkollaps. Es war alles so unglaublich schnell passiert. Tatsache war, dass sie jetzt am Ende ihrer Kräfte im Gras lag und ihre letzte Energie darauf verwendete, so leise und ruhig wie möglich zu atmen. Einen Kampf konnte sie nicht mehr in Erwägung ziehen und gegen Bogenschützen konnte sie nichts ausrichten. Der Vierte hätte ihr bereits Pfeile in die Brust gejagt, bevor sie Nummer Zwei und Drei getötet hätte. Was für eine missliche Situation! Sich zu verstecken und darauf zu hoffen, nicht gesehen zu werden, gefiel ihr nicht besonders gut.

Die meisten Männer der Stadtwache waren bereits zurück zu den Toren geritten, stolz darauf, den vermeintlichen Dämon vertrieben zu haben. Nur eine Handvoll war noch geblieben und diese begannen nun mit Lanzenstößen ins hohe Gras das Gebiet zu durchsuchen, andere spähten mit den gespannten Bogen in die Ferne.

An der Vibration des Bodens merkte Pan, wie sich ihr jemand näherte. Der Soldat war so nah, dass sie hören konnte, was er grimmig vor sich her murmelte.

»Verdammter Dämon! Wenn ich dich erwische, dann brennst du bei lebendigem Leib und deine Eisaugen behalte ich als Trophäe! Hehehe, wo bist du? Komm raus und zeig dich.« Die Lanzenspitze des Soldaten schoss vor Pans Augen durch die Luft und bohrte sich nur wenige fingerbreit von ihrem rechten Arm in den Boden. Sie zuckte zusammen und unterdrückte einen Aufschrei, indem sie sich auf die Unterlippe biss. Immer noch versuchte die junge Frau krampfhaft so ruhig zu atmen, wie es ging, doch das war nach diesem Spurt im Moment das aller Schwierigste.

Erneut schoss die Lanze durch die Luft, Pan zog ihr rechtes Bein an den Körper. Das bereits von Erde verdreckte Metall bohrte sich an der Stelle durch den Boden, an dem ihr Knie geruht hatte. Jetzt hielt sie die Luft an. Der Soldat stand unmittelbar neben ihr, er spähte konzentriert über das Gras. Sie konnte das schwarze Leder seiner Stiefel durch die Grashalme erkennen. Und durch die dichten, grünen Halme sah sie sogar das Stadtwappen von Semutshort auf seiner Brust.

»Komm heraus, schöne Frau«, der Mann pfiff durch seine Zahnlücke als wollte er einen Hund herbeipfeifen, »ich tu dir auch nichts, solange du dich nicht verwandelst!« Pan schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Atem, Schweißperlen tropften von ihrer Stirn auf den Boden. Sie ahnte, dass ihr Schlimmeres drohen würde, als die bloße Gefangennahme, wenn dieser Mann sie hier völlig schutzlos im Gras entdecken würde. Lautlos stand dieser über ihr, doch weder er noch ein anderer bemerkte sie, das Grün spross einfach zu dicht. Irgendwo, weiter weg von ihrem Versteck, hörte man ein Rascheln im Gras. Wie Bluthunde stürmten die Soldaten drauf zu und bearbeiteten den Boden dort mit Lanzenstößen. Erleichtert atmete Pan auf und ließ die Stirn keuchend auf den Erdboden sinken.

»Vergesst es! Das waren nur ein paar Rebhühner, der Dämon ist längst weg. Überlegt doch mal, wenn der seine Gestalt ändern kann, dann hat er sich bestimmt in eine Mücke oder so verwandelt und ist weggeflogen, was meint ihr?«, vermutete einer der Soldaten und stieg enttäuscht zurück auf sein Pferd.

»Da hast du wohl recht, Maek. Das ist sinnlos. Kommt, wir reiten zurück zur Stadt! So ein Mist aber auch, ich konnte das Gold schon fast riechen!«, ärgerte sich ein anderer.

»Also ich war eher an der Frau interessiert!«, scherzte ein weiterer von ihnen und schwang sich ebenfalls auf sein Reittier.

»Hah! Das sieht dir ähnlich, Rene!«, lachte jener, der zuerst gesprochen hatte und der zweite stimmte grölend mit ein. Danach verstummte das Gerede.

Pan spürte, wie der Boden unter den Hufschlägen bebte und hörte, wie sich die lachenden Männer mit ihren Pferden entfernten.

Sobald die Hufschläge verklangen und sie wieder zu Atem gekommen war, rappelte sie sich auf und spähte geduckt durch das hohe Gras. Niemand war zu sehen oder zu hören, nur die Geräusche des Waldes und der Wind durchzogen die vollkommene Stille. Es war anders als im Dschungel, dort glänzten die Farben bunter und die Blätter heller, hier vermischte sich die Umgebung eher grün in grün und schwarz in schwarz. Dieser Wald löste ein Gefühl der Enge aus, obwohl er doch so unglaublich groß war. Und Pan hatte keine Ahnung, wo in diesem riesigen Waldstück sie sich befand. Sie war einfach blind in den Forst hineingelaufen und musste sich nun erst einmal orientieren. Noch immer plagte sie ein Schwindel von der plötzlichen Überanstrengung, aber der Gedanke, bald Andurin, den Weißen Wolf, zu finden, half ihr neue Energie zu schöpfen.

 


Kapitel 20 Reizender Besuch

 

In den ersten Tagen fiel es Pan schwer voranzukommen, immer wieder stieß sie auf gewaltige Dornenranken und Ansammlungen von Quirinnestern, die das Weiterkommen unmöglich machten. Sie wollte sich auf keinen Fall noch einen der bissigen Parasiten einfangen und hatte deswegen jedes Mal einen neuen Weg durch das Unterholz gesucht. Die sengende Hitze und die drückende Luft unter dem dichten Blätterdach des düsteren Mischwaldes machten das Atmen schwerer denn je und die junge Frau musste sich ein ums andere Mal, von der Sommerwärme ausgelaugt, geschlagen geben und zur Mittagszeit Schutz unter Baumwurzeln, neben Felsen oder in kühlen Erdhöhlen suchen.

Wertvolle Stunden verstrichen auf diese Weise. Pan blieb nur übrig, darauf zu warten, dass die Sonne sich senkte und die stickige Luft sich abkühlte, damit sie sich weiter durch das, zu dieser Jahreszeit hervorragend sprießende, Gesträuch arbeiten durfte. Auch die Nächte selbst waren nicht halb so kühl, wie Pan sie sich gewünscht hätte. Das verschlissene Hemd, welches sie stets bis zum Tropfen mit Schweiß gefüllt hatte, hatte an den Ärmeln verknotet, den Platz um ihre Hüfte für sich beansprucht.

Die heißen Tage zogen sich ewig lang und die nur wenig angenehmeren Nächte rauschten vorbei wie ein Schwarm ruheloser Snarks. Langsam warf sich für Pan die Frage auf, wo in dieser gigantischen, von dichtem Wald bewachsenen, Hügellandschaft ein weißer Wolf auf sie warten sollte.

Tag um Tag verstrich und Pan schien ihrem Ziel nicht sonderlich näher zu kommen. Bis sie nach orientierungsloser Suche schließlich auf einen befestigten Weg stieß. Es handelte sich hierbei scheinbar um die alte Route, die Händler mit ihren Pferden oder Kutschen benutzten, um nach Sehmutshort zu gelangen, nur sah diese ziemlich überwachsen aus. Aus dem festgetrampelten Lehmboden rankten sich bereits wieder einige zarte Pflänzchen, aber ein Weg war ein Weg und der kam für Pan wie gerufen.

Nachdem sie an einer nahen Bergquelle etwas Wasser zu sich genommen hatte, folgte sie dem neu entdeckten Pfad. Ihre Suche begann von vorn, doch der Einzige, dem sie begegnete, war nur ein weiterer Kopfgeldjäger.

Der Kampf hatte sich recht kurz gehalten, am Ende hatte der Bursche es geschafft, sich mit seinem Pulvergemisch selbst in die Luft zu sprengen. Seine verkohlte Leiche speiste jetzt die Raben, von denen es hier reichlich gab.

»Dieser verdammte Wald ist viel zu groß. Wie soll ich es da nur schaffen, diesen Wolf zu finden? Wer weiß, vielleicht ist er jetzt schon wieder ganz woanders …« Mutlos trottete Pan über den Weg, der ihr bald schon auf die Nerven ging. Ständig sah sie nur diesen einen Weg, außer wenn sie sich etwas zu essen besorgte oder einen Platz zum Ausruhen suchte, seit Tagen immer nur dieser langweilige Weg.

Sie seufzte und sah zum Himmel hinauf, einem wunderschönen azurblauen Gemälde. Die Blätter der Bäume, welche sich über den Lehmweg bogen, glitzerten in ihrem satten Grün und wiegten sich so harmonisch im Wind, als würde der Atem des Waldes sie hin und her tanzen lassen.

Pan erwischte sich selbst bei einem Lächeln über diesen friedvollen Anblick. Es gab nichts Schöneres für sie, wenn es den grünen Wäldern gut ging und keine Menschen die stimmenreiche Stille mit ihren eigenen verdarben. Fast schon hatte sie vergessen, wie es sich anfühlte, die Mundwinkel auch einmal nach oben zu ziehen, denn es gab nur so selten einen Grund dazu. So viele Leute verfolgten sie wegen dieses Kopfgeldes, nachts fand sie keinen Schlaf, weil Dämonen ihr auflauerten. Die verfluchten Dämonenkräfte verlangten von ihr jeden Vollmond die Kontrolle über ihren Körper und das Blut vieler Unschuldiger. Es gab niemanden, mit dem sie reden konnte, dem sie erzählen konnte, dass sie das alles doch nie gewollt hatte. Niemand, der sie trösten konnte und von einer besseren Welt erzählte.

Nie war sie ein Mensch gewesen, der gerne unter viele Leute gegangen war, viel eher mied sie es, in zu dichtem Gedränge zu stehen. Doch langsam wurde Pan bewusst, wie viel ein Lächeln kostete. Es musste nicht einmal ihr gelten, sie wünschte sich nur, ein menschliches Gesicht zu sehen, dessen Träger nicht darauf aus war, ihren Kopf abzuschlagen, ihn mit einem dumpfen Geräusch vor die Füße des Königs zu werfen und dafür auch noch eine Unsumme Gold zu kassieren. Aber wie sollte sie so jemanden finden, wenn sie finster dreinschauend diesen einsamen Weg entlang trampelte? Sie schaffte es ja nicht einmal, Andurin zu finden.

Es schien alles hoffnungslos. Zeitverschwendung … Seit Tagen hatte sie nicht mehr richtig geschlafen, Hunger, Kopfschmerzen und Hitze quälten sie. Ihre Nerven waren aufgekratzt wie wunde Stellen auf der Haut. Es musste sich doch jemand finden lassen, dem sie erzählen konnte, wie elendig sie sich fühlte. Manchmal dachte Pan daran, einen derjenigen, die Jagd auf sie machten, an einen der mächtigen Bäume zu fesseln und ihn zu zwingen sich ihre Klagen anzuhören, doch wenn sie sich das bildlich vorstellte, empfand sie es als zu absurd.

 

Ein Rascheln ließ Pan aus ihren Träumereien aufschrecken. Hier im Wald raschelte es immer und überall, aber dieses Mal klang es anders. Es schien von mehreren Seiten gleichzeitig zu kommen und es näherte sich beständig. Sie sah von einem Strauch zum nächsten, das Rascheln hatte aufgehört. Stattdessen zerriss ein heller Schrei die Stille. Pan drehte sich entsetzt um. Doch nur ein Echsenvogel flatterte von seinem Ast auf. Die schuppige Haut glitzerte im rötlichen Dämmerlicht in goldenen Farben.

»Was erschreckst du mich so?!« Wütend trat sie gegen einen Stein, der unschuldig auf dem staubigen Weg lag, ließ die Hände sinken und wendete sich erneut dem verdächtigen Strauch hinter ihr zu. Allerdings wurde ihr die Sicht durch eine vermummte Gestalt versperrt, die jetzt unmittelbar vor ihr stand. Als Pan aufsah, blickte sie geradewegs in zwei feurige Augen, erschrak jedoch nicht merklich. Früher oder später hätte das kommen müssen. Sie hatte schon zu lange das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden, nur hatte sie diesen Burschen gar nicht kommen hören. Wie aus dem Nichts war er plötzlich aufgetaucht. Pans Ohren zuckten. Auf dem Weg hinter ihr sammelten sich weitere Gestalten. Sie fuhr herum, um sich ein Bild von ihrer Lage zu machen und die mögliche Gefahr einschätzen zu können: Es handelte sich ausschließlich um Männer, die gerade versuchten, ihr alle möglichen Fluchtwege abzuschneiden. Jeder der plötzlich Aufgetauchten trug ein Tuch über Nase und Mund, damit die Opfer nicht erkennen konnten, von wem sie ausgeraubt werden würden. Dazu die dunkle Kleidung mit den zusammengewürfelten Lederpanzern, das mussten zweifelsohne ein paar verlauste Banditen sein!

»Hey! Was macht denn eine so junge Dame hier bei uns im tiefen Wald?« Der stämmige Sprecher mit der kratzigen Stimme und dem orangenen Haarschopf sah sich kurz prüfend um, »so ganz allein …« Die restlichen fünf Banditen auf dem Weg fingen an zu glucksen und ein anderer mit prächtig gedeihendem Vollbart, den er kaum unter seinem Tuch verbergen konnte, trat vor.

»Hast du etwa deine Begleiter verloren?«, fragte er spöttisch und schüttelte seinen aschblonden Haarschopf. Wieder lachten die anderen. Sie glaubten wohl, die junge Frau mit ihrem Gelächter einschüchtern zu können, doch bei Pan zeigte das weniger Wirkung als ihnen lieb war. Sie trat einen Schritt vor, überlegte sich jedoch gut, was und wie sie antworten würde. Beim letzten Mal hatte ihre vorschnelle Zunge in einer Katastrophe geendet. Vielleicht würde sie sich sogar irgendwie mit den Schurken arrangieren können. Immerhin kannten Räuber und Mörder den Wald, in dem sie ihr Unheil trieben, doch meistens recht gut. So war doch nicht ganz auszuschließen, dass dieses Pack ihr mit dem Andurin-Problem weiterhelfen könnte, insofern sie diese grimmigen Gestalten nicht allzu schnell vergraulen würde. Pan trat noch einen Schritt auf den Mann mit der kratzigen Stimme zu und sah ihn fest an.

»Nein, ich reise allein. Doch ich hab eine Frage-«

»Oha! Habt ihr gehört? Sie reist allein …« Ein klein geratener Bandit verschluckte sich fast an seinem aufgeregten Kichern, als der große Rotschopf Pan unterbrach, breit grinste und fordernd beide Augenbrauen anhob.

»Nein, Pan. Vergiss es! Mit solchen Leuten kannst du nicht reden.« Die zynische Stimme in ihrem Hinterkopf machte ihren Plan zunichte und veranlasste Pan, entnervt die Augen zu verdrehen und sich schnellstmöglich aus dieser Unterhaltung zu entziehen.

»Also gut. Genug gelacht. Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir jetzt aus dem Weg gehen würdet. Danke.« Mit sanfter Gewalt schob sie sichtlich verstimmt den grobschlächtigen Mann vor ihr beiseite und folgte weiter dem verhassten, immer gleichen Weg. Nein, sie hatte keine Zeit sich mit solch einem Gesindel abzugeben, sie hatte pochende Kopfschmerzen vor Schlafentzug und ihre Kehle kratzte unangenehm vor Trockenheit. Eine Auseinandersetzung mit sechs kräftigen und anscheinend auch fähigen Männern brauchte sie jetzt nicht unbedingt.

Langsam schlurfte sie den Weg weiter entlang, die verwirrten Blicke der Gruppe folgten ihren Schritten. Einer von ihnen pfiff beeindruckt und ließ den Blick nicht von Pans nur zu Teilen bedecktem Rücken.

»Hey! Nicht so schnell, Süße! Das hier is’ unser Wald, da musst du auch nach unseren Regeln leben.« Der Rothaarige und seine fünf Freunde liefen Pan nach, überholten sie und versperrten ihr jetzt, zu einer Reihe aufgestellt, den weiteren Weg. Seufzend und mit müden Augen blickte die junge Kriegerin auf und streifte mit ihren eisigen Augen über jedes der verhüllten Gesichter. Zu ihrer Überraschung zuckte nicht einer von ihnen zurück, als sie ihrem kalten Blick begegneten, doch das war ihr im Moment auch egal. Sie hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung. Mitleidig zog sie die Brauen hoch und versuchte nun auf eine andere Weise, die Banditen loszuwerden.

»Bitte … Wenn ihr mir jetzt auch noch das Leben schwer macht, dann werde ich wirklich von allen verfolgt«, erklärte sie deprimiert und seufzte leise. Ein ziemlich großer Mann mit blauen Augen packte sie daraufhin am linken Arm und drehte diesen so, dass er die Innenseite des Unterarms sehen konnte. Teilnahmslos ließ Pan es über sich ergehen und blickte nur gelangweilt den Weg entlang, in der Hoffnung die Banditen würden sie doch endlich ziehen lassen, wenn sie merken würden, dass bei ihr nichts zu holen war.

»Komisch, hier ist gar kein Brandzeichen«, murmelte der Große. »Ich dachte, die suchen dich? Wenn du was ausgefressen hast, müssten sie dich doch zumindest gebrandmarkt haben. Du kannst uns nicht für blöd verkaufen. Wir wissen, dass du keine von unserer Sorte bist. Dafür seid Ihr viel zu liebreizend, Schöne!« Er fuhr mit seinen von Erde beschmutzten Fingern durch Pans Haar. »So alleine im Wald. Verirrt. Und jetzt kommen die bösen Männer. Hast du Angst? Buhu!« Er zog die Hand zurück und begann vor Pan herumzuhampeln, die anderen machten mit und führten spottend ein Theater vor, welches darstellen sollte, wie Pan sich im Wald verlief und sich die Augen ausweinte.

»Anras, san bune Maneta. Narak te liengar? Kua?«, fragte schließlich einer von ihnen in die Runde. Pan kannte diese Sprache nicht, aber die anderen Banditen drehten sich grinsend zu dem Sprecher um und nickten wie ein Mann.

»Na bune. Gorat me ta!«, erwiderte jener mit dem flammenden Haar. Er schaute zurück zu Pan und zog sie mit seinen Blicken förmlich aus, dabei fuhr er sich mit der Zunge über die rauen Lippen.

Obwohl sie kein Wort dieses Gesprächs verstanden hatte, konnte Pan sich nur zu gut denken, von was es gehandelt hatte. Solch einen Blick hatte sie oft bei Männern gesehen, die über hübsche Frauen redeten und über das, was sie am liebsten mit denen machen würden. Diesen Gedanken sollte schnell ein Ende gesetzt werden, entschied sie.

Mit einer plötzlichen und für ihre Verfassung unnatürlich schnell wirkenden Bewegung packte sie denjenigen, der vor ihr stand, am Kragen und zog ihn zu sich herunter, sodass sich ihre Gesichter nun auf selber Höhe befanden.

»Hör zu, ich hab keine Lust auf Streit und auch nicht auf dieses Gehampel hier! Ich will einfach nur diesen Weg da weiter gehen. Ich muss jemanden suchen. Also: Du sagst deinen Freunden jetzt, dass sie Platz machen sollen oder ich verfüttere eure verstümmelten Leichen an die Raben! Hast du kapiert?«, zischte sie ruhig, aber bestimmt.

»Toll Pan, bei den Göttern, bist du gefühlvoll!«, hallte es sarkastisch durch ihren Kopf, während sie ihren Griff löste und den großen Mann seinen Kopf wieder heben ließ. Zugleich brachen die Sechs in schallendes Gelächter aus.

»Ehehehe! Du willst uns an die Raben verfüttern? Unsere verstümmelten Leichen, he? Sind das nicht sehr gewagte Worte für eine edle Dame?«, spottete der Bandit vor ihr prustend und hielt sich den Bauch.

Das reichte nun. Obwohl sie todmüde war, packte Pan beim Anblick dieser Nerven raubenden Schar doch die Kampfeslust. Schief grinsend sah sie ihren Gegenüber an und legte den Kopf zur Seite. Diesen Leuten musste man zeigen, mit wem sie sich anlegten, anders lernten die es ja sowieso nicht. Für diesen Wicht würde sie nicht einmal ihre Sichelklauen brauchen. Sie trat einige Schritte von dem lachenden Haufen zurück und nahm eine Kampfhaltung ein.

»Zeigt mir, was ihr könnt.« Pan grinste innerlich in sich hinein, diese Menschen hatten keine Ahnung. Das Lachen und Gegröle der Banditen wurde leiser, bis sich schließlich ein hagerer Kerl mit Augenklappe zu Wort meldete:

»Hey, ich glaube, die meint es ernst. Seht.« Alle blickten jetzt zu Pan, welche fordernd auf ihren Gegner wartete.

»Na dann, los Gream! Da kannst du uns mal zeigen, was du so kannst. Wenn’s mit den Handelsweibern nicht klappt, vielleicht ja mit der hier!« Der große Rothaarige namens Gream trat glucksend vor und stellte sich Pan gegenüber. Hinter ihm versammelten sich die anderen, welche ihren zuversichtlichen Kameraden anfeuerten und sich auf den ungewöhnlichen Kampf freuten.

 

Pan hätte sich totlachen können. Greams Bewegungen waren viel zu durchschaubar: erst links, dann rechts, dann links, dann rechts und so weiter, immer auf selber Höhe. Mit Leichtigkeit wich sie seinen Fäusten aus, wieder und wieder. Das hier hatte nun wirklich gar nichts mit der Kunst des Ngari zu tun. In ihrem Gedanken verglich sie die plumpen und schwerfälligen Bewegungen Greams mit den graziösen und schnellen Selsbas. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, waren die flammenden Haare. Lächerlich …

Langsam, aber sicher gingen die Anfeuerungen zurück. Die leichtfüßige Frau duckte sich schließlich unter dem Arm des zuschlagenden Banditen hindurch, ergriff diesen und schleuderte ihren Gegner über ihre Schulter einen kleinen Hang hinab ins Gestrüpp. Damit war der Kampf beendet.

Selbstzufrieden verschränkte Pan die Arme vor der Brust und blickte süffisant auf ihren besiegten Kontrahenten herunter, welcher sich aus dem Blättergewirr befreite. Seine Freunde konnten sich nicht halten vor Lachen.

Stöhnend stand Gream auf, tastete mit seiner Handfläche auf seinem Hinterkopf herum und entdeckte Blut. Schnaubend vor Zorn biss er die Zähne fest zusammen, stapfte den Hang hinauf und ließ sich von einem seiner, beim Anblick seines wütenden Gesichtsausdrucks verstummten, Freunde ein Kurzschwert geben. Pan merkte gleich, wie aufgewühlt der fleischige Mann wirkte, und machte instinktiv ein paar Schritte rückwärts. Ihr Gegner wirkte bedrohlicher als vorher und anscheinend war er jetzt zu allem bereit. Zwar schien ihm die Lust vergangen, jetzt jedoch hatte er Durst bekommen, Blutdurst.

»Gream, ist gut. Bleib stehen!« Einer der Maskierten hielt ihn zwar an der Schulter fest, doch der schäumende Gream überragte diesen um einen Kopf und stieß ihn grob fort.

»Das wirst du bereuen, du verdammtes Miststück, ich werde dir hiermit den Schädel spal-!«

»Gream!«, eine warnende Stimme aus dem Wald unterbrach den aufgebrachten Banditen mitten im Wort. Verwirrt drehte Pan sich zum Sprecher um.

»Hier muss es irgendwo ein Nest von denen geben!«, zischte es in ihren Gedanken. Ein weiterer, ähnlich gekleideter Mann näherte sich, aus dem Schatten der Bäume tretend, dem Weg. Er trug einen ledernen Brustpanzer, schwarze Hosen und schwere Stiefel. Das, was ihn von den übrigen Banditen unterschied, war ein schwarzer Umhang aus leichtem Stoff, welcher ihm so zerknittert über den Rücken hing, dass es aussah, als hätte er eben noch ein Schläfchen darin gehalten.

Die sechs Halunken schienen ihn zu kennen, selbst Gream stoppte in seiner Bewegung und ließ das Schwert sofort sinken.

»Was stellt ihr wieder an? Warum brüllt ihr hier so herum?«, fragte der Fremde verärgert und schleppte sich mühselig die Böschung zum Weg hinauf. Gream drückte das Schwert schnell einem seiner Freunde in die Hand und nahm eine unschuldige Haltung ein.

»Also … die Sache ist die … diese junge Dame hier macht uns nur etwas Schwierigkeiten. Keine erwähnenswerte Sache, wir sind sowieso gleich fertig«, antwortete er in einem etwas leiseren Ton. Während er sprach, zeigte er mit einem seiner dicken Finger auf die irritierte Pan.

[...]

 

 -Ende der Leseprobe-