Schöpfungsmythos Naruel

Als die Götter vor Tausenden von Jahren den Kontinent Naruel aus dem Meer hoben, sendeten sie drei weise Rassen dorthin, die ihre neue Welt mit Leben erfüllen sollten.

Aus dem Feuer und der Luft formten sie die Drachen. Wilde Echsen, schuppig und mit riesigen Flügeln, mit denen sie auf den Winden fliegen konnten.

Aus dem Wasser und dem Eis machten die Götter die Seejungfern. Töchter des Meeres, mit grüner Haut und angepasst an ein Leben in den Wellen des Ozeans.

Aus einem Blitz, der in die Erde einschlug, erschufen die Götter die Cyrale, Halbgötter mit der Gestalt von riesigen Tieren.

Die Drachen herrschten über die Lüfte, die Seejungfern über die Meere und die Cyrale über das Land. Naruel war im Gleichgewicht und erblühte, doch es bot noch Platz für mehr.

So beschlossen die Götter, noch eine vierte Rasse zu formen, dieses Mal aus allen Elementen vereint.

Sie mischten Wasser mit Erde, Feuer, Luft, Eis und einem Blitz. Daraus wurden die ersten Menschen geboren. Sie vermehrten sich schnell und wurden zahlreich. Zusammen mit den Cyralen sollten sie über das Land wachen.

Doch die Menschen wurden schnell überheblich und wollten nicht akzeptieren, dass sie genauso wertvoll für Naruel waren, wie die Cyrale, die Seejungfern und die Drachen. Sie glaubten, da sie aus sechs Elementen erschaffen wurden, gebühre ihnen auch die meiste Macht und der größte Teil von Naruel. Obwohl sie nicht die Stärke der Drachen, nicht die Weisheit der Seejungfern und nicht die Macht der Cyrale in sich trugen, begannen sie durch ihre Überzahl die anderen Rassen zu verdrängen.

Bald fand man in keinem See mehr eine Seejungfer, auf keinem Berg mehr einen Drachen und nur in wenigen Wäldern noch Cyrale.

Die Götter waren erzürnt darüber, dass die Menschen die anderen Bewohner Naruels vertrieben und sich immer weiter ausbreiteten, wie Maden in faulem Obst. Also machten sie die Menschen sterblich und hofften, dass damit das Gleichgewicht eines Tages wieder hergestellt sein würde.

Die Menschen starben zwar nach einigen Jahren, doch sie bekamen zuvor viele Kinder. Denen erzählten sie noch vor ihrem Tod, dass die Menschen allein die überlegenste Rasse in Naruel sein würden und die verbliebenen Cyrale ihnen deswegen Schaden antun wollten.

Damit dieses falsche Wissen nicht für immer weitergegeben würde, wählten die Götter sieben Menschen aus. Von jedem Einzelnen trennten sie fünf der Elemente, aus denen sie gemacht worden waren ab, sodass am Ende ein Mann blieb, der Feuer in seinem Herzen trug, eine Frau so stürmisch wie der Wind, ein Mann, durch dessen Adern nichts als Wasser floss, eine Frau, die eins mit der Erde war, ein Mann so mächtig wie ein Gewitter und eine Frau, deren Haut so kalt wie das Eis war.

Fortan sollten diese Sechs keine einfachen Menschen mehr sein, sondern wurden Hüter der Elemente genannt, mit der Kontrolle über das Feuer, die Luft, das Wasser, die Erde, die Blitze und das Eis.

Ein siebter Mann wurde ausgewählt. Er sollte den Willen der Götter in sich tragen, die sechs Elemente führen und verbinden. Er wurde zu ihrem Oberhaupt und die Menschen nannten ihn den Hüter der Existenz.

Durch diese Sieben sollte Naruel auf ewig im Gleichgewicht bleiben. Sie lehrten die Menschen, die anderen Rassen zu akzeptieren. Doch der Starrsinn der Menschen saß tief und ihr Hass auf die Cyrale wuchs immer weiter, denn in ihren Augen waren die Halbgötter nicht mehr als riesige Tiere, die gelernt hatten zu sprechen und auf zwei Beinen zu laufen, wenn es nötig war. Die wahre Macht der Cyrale und deren Bedeutung für Naruel wurde niemals von den Menschen erkannt.

Sie begannen Krieg zu führen und die Halbgötter zu bekämpfen. Bald waren nur noch wenige dieser Rasse übrig. Sie versteckten sich in tiefen Wäldern oder hohen Gebirgen, während die Menschheit wuchs und sich in alle Teile des Landes ausbreitete.

Dann aber, nach einigen Jahren, kam ein grauenvolles Übel über Naruel. Ein Dämon mit schwarzen Flügeln und blutroten Augen warf seinen Schatten über das Land. Manche sagen, er sei aus dem Schmerz geboren worden, den sie den Cyrale zugefügt hatten, andere glauben, er sei die Strafe der Götter gewesen.

Doch der Dämon fiel nicht über die Menschen her. Zunächst tat er ihnen keinen Schaden. Er flog nur über das Land und färbte jede Frucht, die er an einem Baum fand, mit einer einzigen Berührung schwarz. Er zeigte sie den Menschen und versprach ihnen, noch mehr Macht und Stärke, wenn sie von diesen schwarzen Früchten essen würden.

Vielen glaubten den Worten des Dämons und aßen seine veränderten Früchte. Sie wussten nicht, dass der Dämon die Früchte nicht nur schwarz gefärbt, sondern auch mit seinem Hass vergiftet hatte. Viele Menschen starben, weil die Versprechen des Dämons sie fehlgeleitet hatte und sein Gift sie tötete.

Ein Teil der Menschen, die diese Früchte gegessen hatten, überlebten aber, weil ihr Lebenswille sie nicht sterben ließ. Und diese erhielten tatsächlich einen Teil von der Macht des Dämons: Einige bekamen Flügel, andere erhielten eine unmenschliche Stärke, wieder anderen wuchsen lange Klauen und Reißzähne.

Die Menschen verwandelten sich mehr und mehr selbst in Dämonen. Sie konnten mit der ihnen gegebenen Macht nicht umgehen und verletzten sich und andere. Die Kräfte, welche ihnen von den schwarzen Früchten verliehen wurde, begann sie auch von innen zu verändern. Denn der Dämon hatte in die Früchte nicht nur einen Teil seiner Kraft, sondern auch den Hunger nach Menschenblut einfließen lassen. Und so jagten die, zu Dämonen gewordenen, Menschen ihre eigenen Freunde und ihre Familien, um ihr furchtbares Verlangen nach Menschenblut zu stillen.

Diejenigen, die noch übrig waren, gaben dem ersten und schrecklichsten Dämon den Namen Cragorin, es bedeutet: der geflügelte Zerstörer.

Der Urvater aller Dämonen und seine Kinder, die einst selbst Menschen gewesen waren, suchten nun überall nach dem Blut der Menschen. Sie brachen die Erde auf, wenn sie darunter ihr Blut riechen konnten und sie ließen das Wasser zurück in seine Quellen fließen, wenn sie den Herzschlag eines Menschen am Grunde eines Sees hören konnten. Überall suchten Cragorin und seine Dämonen nach ihnen und sie fanden und verschlangen fast alle.

Auch die Hüter der Elemente konnten nichts gegen die Wut des Dämons ausrichten und das Gleichgewicht begann, mehr und mehr auseinanderzubrechen. In ihrer Verzweiflung wandten sich die Hüter an die letzten Cyrale, die sich jahrelang den Blicken der Menschen entzogen hatten.

Andurin, der weiße Wolf des Westens und Zenzey, der schwarze Panther des Ostens vereinigten ihre Kraft, um den großen Dämon aufzuhalten und das Gleichgewicht wieder herzustellen. Zusammen suchten sie Cragorin auf und verbannten seine schwarze Seele in das Bur Lorak, einen Ort, an dem der Tod die bösen Seelen verbrennt.

Dies erforderte jedoch so viel Kraft, dass Andurin und Zenzey ihr eigenes Leben opfern mussten und mit ihnen die letzten ihrer Rasse aus Naruel verschwanden. Doch auch Cragorin war fort, verbannt an einen Ort, so weit entfernt, dass er niemals zurückkehren würde.

Die Menschheit erholte sich. Mithilfe der sieben Hüter der Elemente reinigten sie Naruel von Cragorins Dämonen und lebten fortan mehr im Einklang mit sich selbst und ihrer Welt. Sie haben nie mehr vergessen, dass es die Cyrale waren, die sie einst vor der Wut des Großen Dämons gerettet hatten. So bauten sie ihnen Tempel und Schreine, wo sie zu ihnen beteten und Opfergaben brachten.

Auch die Götter waren den Cyralen dankbar für die Rettung Naruels und so formten sie am östlichen und westlichen Horizont die Sterne nach den Abbildern Zenzeys und Andurins. Damit die beiden auch nach ihrem Tod noch über Naruel wachen können.

Man sagt, in Zeiten größter Not würden die Cyrale am Himmel erwachen und erneut für Naruel kämpfen.



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